Zum Thema Gitarre—Laute—Alte Musik ist ein Interview mit Wolfgang Katschner von besonderem Interesse, das mit “Gitarre weg, Nägel weg, Noten weg — alles neu” überschrieben ist.
Das Zitat nimmt Bezug auf Wolfgang Katschners Grundsatzentscheidung nach 1990. Vorher hatte er Gitarre studiert und mit seinem Partner Hans-Werner Apel Gitarrenduo gespielt. “Nebenbei” hatte er sich mit der Renaissance-Laute befasst. Nach der “Wende” gingen beide, Katschner und Apel, nach Frankfurt am Main zu Yasunori Imamura um Laute zu studieren. Die weltpolitischen Geschehnisse der Jahre um 1990 haben damit im Leben der beiden Musiker eine bedeutende Rolle gespielt … und auch in diesem CONCERTO-Interview dreht sich vieles um die Folgen der Wende und wie Musiker heute damit umgehen. Fragen nach Organisation und Finanzierung der Berliner Lautten Compagney – dieses Ensemble gründeten Katschner und Apel noch zu DDR-Zeiten, zu internationaler Bedeutung ist es allerdings erst nach der Wende gekommen – oder auch zu den Befindlichkeiten zwischen Ost und West werden ausgiebiger thematisiert als eigentlich musikalische. Hierzu ist ein Interview, das der Bayerische Rundfunk mit Katschner gemacht hat, ergiebiger. Auf der Homepage der Lautten Compagney findet man einen Link auf das Interview, man kann es aber auch direkt beim Bayerischen Rundfunk anhören.
In der CONCERTO-Ausgabe findet sich weiter eine Besprechung der Hinterleithner-CD von Lutz Kirchhof, Martina Kirchhof und Judith Sartor (Deutsche Harmonia Mundi 88697 44939 2), die auch in Gitarre & Laute ONLINE rezensiert worden ist. Der Rezensent Reinhard Kriechbaum befasst sich mit Marginalien, dem Mangel an sachdienlichen Informationen zur Musik Hinterleithers im Booklet zum Beispiel oder darum ob sie, die Musik, wirklich “jazz-ähnlich” genannt werden darf, wie es Lutz Kirchhof ebendort getan hat. Ansonsten: “Melodisch sind die Sätze eingängig, in der Erfindung nicht wirklich originell” [Reinhard Kriechbaum in CONCERTO #230, S. 38—39]
Die erste Ausgabe von Soundboard des neuen Jahrgangs 2010 ist heraus!
Francisco Tárrega, dessen Gedenkjahr gerade verstrichen ist (Lebensdaten 1852—1909), wird darin in mehreren Beiträgen gewürdigt.
Walter Aaron Clark schreibt über “Francisco Tárrega, Isaac Albéniz and the Modern Guitar”. Isaac Albéniz ist nicht nur im gleichen Jahr gestorben wie Tárrega (Lebensdaten 1860—1909), die beiden Musiker haben auch darüber hinaus einige Gemeinsamkeiten. In dem Soudboard-Artikel von Clark dreht es sich nun um Transkriptionen, die Tárrega von Klavierstücken seines Freundes Isaac Albéniz angefertigt hat und um die generelle Frage, warum er in so hohem Maße sein Repertoire aus Transkriptionen aufgebaut hat.
Wir wissen, dass erst die Schüler und Nachfolger von Tárrega Stücke bei namhaften Komponisten in Auftrag gegeben haben – der Autor nennt Andrés Segovia und Julian Bream. Er schildert in diesem Zusammenhang eine Geschichte, die ich bisher nicht gehört habe, die aber, wenn sie wahr ist, ein durchaus interessantes Licht auf die Repertoire-Akquisition der damaligen Zeit wirft. Es soll 1975 gewesen sein, dass Segovia am Abend vor einem Meisterkurs an der North Carolina School of the Performing Arts erzählt habe, Claude Debussy habe Miguel Llobet zu sich nach Paris eingeladen. Er, Debussy, habe angegeben, er wolle Llobet spielen hören, weil er selbst für Gitarre komponieren und seine Kenntnisse über das Gitarrespiel erweitern wollte. Llobet habe die Einladung nicht angenommen, weil er zu schüchtern war. Segovia, so seine eigene Erzählung, habe Llobet danach gesagt, dafür müsse er in der Hölle schmoren.
Gerard Hoffnung (1925—1959) ist jedem Musiker bekannt. Seine Cartoons halten als Illustrationen für alle möglichen Moments Musicaux her … und ich selbst erkenne mich als Kritiker. Als Kritiker, für den es unschicklich ist zu klatschen.
Wir alle kennen die Konzerte seines Musikfestivals in der Royal Festival Hall in London. Dennis Brain, der auf einem Wasserschlauch eines der Hornkonzerte von Mozart gespielt hat … oder, der Klassiker, die Situation, in der dem Pianisten und dem Orchester unterschiedliche Noten vorgelegt worden sind. Pianist spielte Tschaikowsky und das Orchester begann mit Grieg. Wunderbar!
Vor ein paar Tagen wurde ich wieder einmal aufmerksam auf einen Textbeitrag von Gerard Hoffnung, den ich vor vielen Jahren geliebt habe – dann ist irgendwie die Platte abhanden gekommen: “The Bricklayer’s Lament”. Etliche Kabarettisten, oder Comedians, wie sie heute heißen, haben versucht, diese Geschichte für sich umzusetzen (zum Beispiel Peter Frankenfeld und Dieter Hallervorden), aber keinem ist es gelungen, an Hoffnungs subtilen Humor heranzureichen. Hier ist “The Bricklayer’s Lament”. Viel Spaß!
Am 5. Dezember 2009 ist er achtzig Jahre alt geworden: Nikolaus de la Fontaine Graf d’Harnoncourt-Unverzagt, kurz Nikolaus Harnoncourt genannt. Concerto widmet dem musikalischen Revolutionär zwei größere Beiträge in ihrer Ausgabe XXVI/2009-2010, Nr. 229. Ein Interview mit Harnoncourt hat Michael Arntz geführt: “Dirigent ist ein Anti-Beruf”. Der Maestro erzählt die Geschichte des Concentus Musicus; zum Beispiel, dass er 1953, als Cellist bei den Wiener Symphonikern, zunächst die Übereinkunft mit seinen Kollegen im neu gegründeten Concentus schloss, zu fünfzig Prozent Neue und zu fünfzig Prozent Alte Musik zu spielen: “Wir haben sofort Stücke von Hindemith gespielt, aber nach einem halben Jahr ist das langsam weggetropft.” Ein neues Publikum für Alte Musik sollte nie herangebildet werden: “Wir wollten unsere Sache machen und erfahren, warum die Statuen von Bernini so toll sind und die Musik von Corelli so langweilig – das wäre ja die zeitliche Parallele. Wir haben das Feurige an dieser Musik gesucht. […] Das Ziel war, das Feuer, das in dieser Musik steckt, zu erkennen und wieder zu entfachen. Wir haben uns gefragt: Was sagt diese Musik und warum hat sie den Menschen damals so viel gesagt?” Weiterlesen Nikolaus Harnoncourt in Concerto #229
Maestro Andrés Segovia hat immer wieder behauptet, er habe in seinem ganzen Leben nur einen Lehrer und einen Schüler gehabt – sich selbst. Falsch war diese Aussage mindestens, was sein Unterrichten angeht, denn er hat zwischen 1950 und 1963/1964 in Siena und auch, schon von 1958 an, in Santiago de Compostela sehr erfolgreiche und viel besuchte Meisterkurse gegeben. Viele heute bekannte Gitarristen haben daran teilgenommen … auch einige, die heute vergessen sind. Unter ihnen befindet sich ein Musiker namens Dante Brenna, der 1965 vor Segovia die Gigue aus der oninösen Suite von Silvius Leopold Weiss gespielt hat, die eigentlich von Ponce stammt. YouTube bietet eine Filmaufnahme seines Vorspiels in Santiago de Compostela und von Segovias Unterweisungen. Hier ist sie:
Und YouTube bietet ein weiteres Video mit Dante Brenna. Hier spielt er im Rahmen eines Fernseh-Interviews den dritten Satz aus der Sonatina von Federicio Moreno-Torroba:
Die eine oder andere weitere Aufnahme findet man an gleicher Stelle. Wer weiß mehr über diesen Musiker? Was ich an Informationen zusammenkratzen konnte, beschränkt sich auf einige Stichworte: Er wurde am 14.1.1946 in Lugano geboren. Studiert hat er zunächst bei Aldo Minella am Liceo Musicale die Varese. Danach hat er sich auf Kursen bei Andrés Segovia in Spanien (Santiago de Compostela) und den USA weitergebildet. Zwei Platten hat er bei EMI eingespielt, eine davon ist gelegentlich antiquarisch im Handel: “Weihnachten in der Schweiz”, und die ist am 17. November 1999 erschienen.
Eine Überraschung enthielt ein anderer Film, der in Santiago bei den Segovia-Kursen aufgenommen worden ist: Weiterlesen Brigitte Zaczek und Dante Brenna bei Maestro Segovia
Der Gitarrenboom, den seine Heimatstadt Wien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebt hat, ist an Carl Czerny vorbei gegangen, nichts deutet jedenfalls darauf hin, dass er sich mit dem Guitaromanie-Virus infiziert hat. Carl Czernys Instrument war das Klavier und seine „Schule der Geläufigkeit“ hat Generationen von Klavierschülern in ihrem Bemühungen um eine angemessene Technik begleitet. Vom 30. April bis zum 31. Juli 2009 gab es in der Zentralbibliothek in Zürich eine Ausstellung mit dem Titel „Mehr Respekt vor dem tüchtigen Mann“, die Czerny gewidmet war. Ihr Katalog erschien in Buchform:
Otto Biba, Ingrid Fuchs, „Mehr Respekt vor dem tüchtigen Mann“ – Carl Czerny (1791—1857): Komponist, Pianist und Pädagoge. Katalog der gleichnamigen Ausstellung des Archivs der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien in der Zentralbibliothek Zürich vom 30. April bis 31. Juli 2009, In Zusammenarbeit mit dem Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich und der Zentralbibliothek Zürich herausgegeben von Urs Fisch und Laurenz Lütteken, Kassel u.a. 2009, Bärenreiter, ISBN 978-3-7818-2162-6, EUR 39,95
Das Bild, das Viele heute von Czerny haben, ist geprägt durch seine scheinbaren Forderung nach stupidem Üben und Drill am Klavier. Die Kölner Pianistin und Wissenschaftlerin Grete Wehmeyer schrieb in diesem Zusammenhang 1983 ein Buch mit dem provozierenden Titel „Carl Czerny und die Einzelhaft am Klavier oder Die Kunst der Fingerfertigkeit und die industrielle Arbeitsideologie“. Ansichten über die Ökonomie des Übens und über das Üben überhaupt hatten sich zu ihrer Zeit grundsätzlich geändert, man muss allerdings bedenken, dass Czerny nicht den dilettierenden Klavierspieler mit seinen Lehrwerken und in seinem Unterricht heranbilden wollte, sondern den professionellen Virtuosen. In seiner „Schule des Virtuosen“ op. 365 schreibt er: „… nur die vollkommene Beherrschung der mechanischen Kunst macht es möglich, die Schönheit des Vortrags und Gefühls, welche dem einfachen Gesange zukommt, auch auf diejenigen Stellen anzuwenden, welche dem Mißkennenden oder Ungeübten nur eine Anhäufung von Unbequemlichkeiten zu seyn scheinen, welche aber unter den Fingern des wahren Künstlers ebenso den Schönheitssinn befriedigen können, wie jede einfachere Melodie, und überdies jeder Kunstleistung weit mehr Glanz und Leben verleihen.“
Die Ausstellung in Zürich wollte aber einen anderen Carl Czerny darstellen als den Virtuosenmacher, den Klavierlehrer von Franz Liszt und den Lieferanten von Lehrwerken und Etüden für viele Generationen von Klavierschülern. „Mehr Respekt vor dem tüchtigen Mann“!
Carl Czerny wurde 1791 in Wien geboren. Sein Vater war begeisterter Musiker und hat auch Klavierstunden gegeben. Seinen Lebensunterhalt hat er aber mit anderen Tätigkeiten bestritten. Von seinem Vater hat Carl die ersten Klavierstunden (auf einem Cembalo) erhalten, der Geiger Wenzel Krumpholz hat ihm erste Unterweisungen in Ästhetik und Vortrag gegeben. Krumpholz hat ihn auch, als er zehn Jahre alt war, Ludwig van Beethoven vorgestellt, der sein Talent erkannte und sich anbot, ihm Unterricht zu geben: „Der Junge hat Talent!“. Mit neun hatte er seine ersten Konzerte gegeben, schon mit vierzehn galt er als Virtuose. Weiterlesen Mehr Respekt vor dem tüchtigen Mann
“Mein Freund Sting”, hätte ich gern gesagt, als ich im letzten Februar aus Belgrad vom Festival zurückkam. Ich hatte dort am 8. Februar mit allen Musikern, die auftraten oder in Juries saßen, im Café der Festival-Promis gesessen und wir waren uns einig: Mit Sting würden wir jetzt, nach seinem Konzert, gerne reden. Wir würden ihn gern fragen, warum er sich jetzt mit Dowland befasst und ob es wirklich stimmt, dass er dieses unglaublich hohe Honorar für sein Konzert bekommen hat.
Aber es war eine kafkaeske Situation, eine kafkaeske Stimmung: Jeder schien zu wissen, dass Sting im gleichen Hotel wohnte wie wir alle, aber niemand wusste, in welchem Zimmer und keiner hatte nur die geringste Ahnung, warum das so war. Gut, das Hotel hat ein paar hundert Zimmer und man kann sich verlaufen, aber die Lobby ist immer die Schnittstelle. Hier trifft man sich. Nur ihn sah man nicht — weder auf dem Weg in den Konzertsaal, noch beim Frühstück oder beim Abendessen. Er ging auch nicht nach dem Konzert etwas trinken, wie das alle Musiker tun — um abzuschalten und einfach mit Kollegen zu quatschen. Aber er war da — auf der Bühne des Sava-Centers haben wir ihn gesehen.
Und dann war Sting abgereist. Man munkelte, er sei mit seinem eigenen Lear-Jet gekommen und auch wieder abgeflogen — aber auch dafür musste er durchs Hotel und auschecken. Mit seiner Entourage … aber Sting war einfach weg … haben wir vermutet!
Wir alle kannten und schätzten seinen Begleiter: Edin Karamazov. Gut sogar! Aber auch Edin blockte ab. Na gut: Wir haben verstanden, dass ein Rockmusiker wie Sting vor seinen Fans in Schutz genommen werden muss. Und wir alle haben auch verstanden, dass wir als Klassiker dabei nichts zu suchen hatten. Das war eine andere Klasse. Und doch akzeptierten wir ihn alle als Kollegen und Musiker. Und das hätte doch vielleicht ein kurzes Gespräch möglich machen sollen, oder?
Hat es nicht … aber jetzt ist eine neue CD herausgekommen von Sting: Nicht mehr Dowland, sondern “If on an Winter’s Night …” mit gesammelten Werken. Keine Flaschenpost, aber ein bisschen Schubert, Bach und englische Volkslieder, ein bisschen Weihnachten und auch Jazz und Alte Musik. Sehr cool, meilenweit entfernt von Lust und Leidenschaft … und dann doch wieder berührend. So, dass man denkt, es ginge einen an. Weiterlesen Mein Freund Sting
Am 29. Oktober ist sie hier eingetroffen, die Ausgabe 4 des Jahrgangs 2009 von Soundboard. Das Hauptthema des Heftes ist Heitor Villa-Lobos (1887—1959), dessen Todestag sich am 17. November sich zum fünfzigsten Mal jährt. Charles Postlewate schreibt zunächst über “Life and Legacy of Villa-Lobos” und dann “Villa-Lobos and his Work with three Guitar Icons”.
Im ersten Artikel geht es um das Vermächtnis des Komponisten, und zwar auch die künstlerischen Hinterlassenschaften, die nichts oder wenig mit der Gitarre zu tun haben. Postlewate schreibt ganz richtig, dass die meisten Gitarristen nur mit einem kleinen Teil des Œuvre von Villa-Lobos bekannt sind, dem nämlich, das für ihr Instrument konzipiert ist. Der Autor scheint das Buch von Manuel Negwer (“Villa-Lobos: Der Aufbruch der brasilianischen Musik”, Mainz u.a. 2008) nicht zu kennen, mindestens wird es weder erwähnt noch zitiert. Das heißt, an dieser neuesten Veröffentlichung werden sich die beiden Soundboard-Artikel messen lassen müssen — mindestens der erste, in dem es um eine kurze Darstellung seiner Biographie geht und ein eine Würdigung seiner Werke.
Der zweite Artikel von Postlewate dreht sich um einen speziellen Aspekt des Schaffens von Villa-Lobos, seine persönliche und künstlerische Beziehung zu drei Gitarristen nämlich, zu Andrés Segovia, Abel Carlevaro und Julian Bream. Etliche Fragen drängen sich in diesem Zusammenhang auf, Fragen, die immer wieder in der internationalen Fachpresse gestellt worden sind und um deren Antworten man ringt. Wie war Segovias Beziehung zu Segovia und wie weit hat er seine Werke für Gitarre eigenmächtig “bearbeitet”? Kannte Abel Carlevaro Villa-Lobos und seine Werke wirklich so gut, dass man seine Versionen von Werken als authentisch akzeptieren kann? Ein wirklich interessanter Artikel … der aber wenige konkrete Antworten bereithält. Weiterlesen Soundboard XXXV/2009/Nº 4
Florilegium? Dieser Begriff hat mich seit Jahren interessiert und fasziniert … hauptsächlich, weil Adrian Denss im Jahr 1594 einen Sammelband mit Lautentabulaturen herausgegeben hat, der diesen Titel trug. FLORILEGIVM OMNIS FERE GENERIS CANTIONVM SVAVISSIMARVM AD TESTVDINIS TABVLATURAM ACCOMODATARVM LONGE JVCVNDISSIMVM. Dieser Band hatte für mich zwei Besonderheiten: Er war der erste Band dieser Art, den ich tatsächlich, also nicht als Fotokopie oder Faksimile, in der Hand hatte. Das war, 1974 vielleicht oder 1975, in der Universitätsbibliothek in Köln. Und zweitens war dieses Buch ein Kölner Erzeugnis. Der Drucker und Verleger Gerardus Grevenbruch in Köln hat zwei bedeutende Bücher für Laute herausgegeben: Das Florilegium 1594 und 1603 dann den THESAURUS HARMONICUS von Jean-Baptiste Besard.
Also: Florilegium heißt Blütenlese oder Lesefrüchte … wobei mir “Blütenlese” besser gefällt. Was habe ich gelesen und gesehen oder gehört und was ist mir in Erinnerung? So habe ich mir meinen Weblog vorgestellt. Sollte jemand Interesse daran haben zu lesen, was mir aufgefallen ist – hier hat er die Möglichkeit!
Und jetzt bin ich durch die außerordentlich verdienstvolle Arbeit der Bayerischen Staatsbibliothek in München noch einmal daran erinnert worden, meinen Lesern den Namen FLORILEGIUM nahe zu bringen. Dort nämlich, bei der BNB, gibt es das Florilegium von Denss mittlerweile online als PDF
Ein Konzerterlebnis der besonderen Art präsentierte das Duo Joncol am 26. Juni 2009: „Köln meets Barcelona“. Köln unterhält mit insgesamt 23 Städten Partnerschaften, darunter Bethlehem, Indianapolis, Kattowitz, Kyoto, Peking und, seit 1984, Barcelona. In der Domstadt (gemeint ist die am Rhein!) gibt es einen „Verein Städtepartnerschaft Köln—Barcelona“ – ob ein ähnlicher Club in Barcelona besteht, kann ich nicht sagen, vermute aber, dass „nein“ … wir Deutschen gründen bekanntlich gern Vereine oder treten selbigen bei. Der „Verein Städtepartnerschaft Köln—Barcelona“ jedenfalls war einer der Initiatoren und Förderer des Konzerts – die anderen waren die üblichen Verdächtigen: Stadt, Sparkasse usw. … Angewiesen auf Sponsoren wären die Veranstalter nicht gewesen, das Konzert im Arkadastheater in Köln-Ehrenfeld war sehr gut besucht!
Der hier eingespielte Film zeigt das Duo Joncol mit “Epílogo” aus den “Escenas Románticas” von Enrique Granados, aufgenommen während des Konzerts am 26. Juni 2009 in Köln.
Wer an diesem Abend einen Austausch musikalischer Kulturgüter erwartet hat, ein Aufeinandertreffen spanischer, nein, katalanischer und deutscher, nein, rheinischer Musiken, der wurde enttäuscht. Die Musik dieses Abends war katalanisch und spanisch mit einem winzigen brasilianischen Einsprengsel von Paulo Bellinati (geboren 1950 in São Paulo). Und es war Musik, die Besucher, die gelegentlich Gitarrenmusik hören, durchaus vertraut war und ist. Granados, de Falla … und Feliu Gasull.
Gasull? Seine Stücke waren selbst Besuchern, die nicht gelegentlich sondern oft Gitarrenmusik in Konzerten hören, nicht vertraut. Ein junger katalanischer Gitarrist und Komponist, den nicht einmal Wikipedia kennt, und dessen katalanische Stimmungsbilder vom Duo Joncol mit viel Übereinstimmung gespielt worden sind. Feliu Gasull schreibt expressive Stücke mit oft programmatischen Titeln wie „Blau Mar“ oder „El Peixet de Bloomington“ – das sind zwei Stücke, die im Juni zu hören waren. Die Programme werden aber eher indirekt impressionistisch ausgefüllt. Mit Stimmungsbildern, die pastellfarben und zart von Sehnsüchten berichten, von Erinnerungen und Wünschen. Die meisten Klischees, die man von spanischer Musik haben mag, werden in den Stücken von Feliu Gasull nicht bestätigt … obwohl er gelegentlich durchaus mit nicht-katalanischen stilistischen Versatzstücken liebäugelt. Mit dem Flamenco zum Beispiel, der in Andalusien zuhause ist. Weiterlesen Duo Joncol: Köln meets Barcelona
Soeben erschienen ist die Ausgabe #136 von Guitar Review (hier eingegangen am 24. August 2009). Zunächst findet man einen Beitrag von Dusan Bogdanovic zum Thema „Nuovi Recercari”. 1998 hat Dusan für das Duo Gruber & Maklar seine „Canticles” geschrieben, in der Folge davon weitere Stücke, in denen der Komponist versucht hat, kontrapunktische Strukturen der Renaissance in Stücke für zwei Gitarre zu integrieren und zwar in Verbindung mit asymmetrischer Metrik und polymetrischen Phasen. So entstanden im Jahr 2008 seine „Nuovi Recercari”, in denen sich verschiedene Kompositionstechniken des ausgehenden Mittelalters und der Renaissance wiederfinden – gregorianische Melodien, das Hoquetieren zwischen mehreren Stimmen und die einfache Imitation. Der Beitrag von Dusan Bogdanovic ist eine thematische und strukturelle Analyse seines Stücks. Es folgen zwei längere Nachrufe auf bedeutende Personen der nordamerikanischen Gitarrenwelt, die beide im letzten Jahr verstorben sind: Thomas Humphrey (1948-17. April 2008) und Aaron Shearer (6.9.1919-21.4.2008). Viele Freunde nehmen Abschied von einem der innovativsten Gitarrenbauer und von dem wohl einflussreichsten Lehrer der USA. Keith Crook schreibt danach über „Interpretation in a Nutshell”. Hier werden die Grundbegriffe und Grundtechniken von Phrasierung und Akzentuierung erklärt: „Strong Beats”, „High Notes”, Low notes”, „A rest before a note” usw. Es folgen zwei komplette Kompositionen: 1. Pedro Henriques da Silva: Rapsodie [sic] sur un thème d’Olivier Messiaen” für Gitarre solo (11 Seiten) und 2. David Hahn: „Ostraka: A Song Cycle für Voice and Guitar” (eine Seite). Es folgen Rubriken und Besprechungen.
Wie immer seit 2004 ist auch dieser Ausgabe der ältesten noch existierenden Gitarrenzeitschrift der Welt eine eigens für sie produzierte CD beigegeben. Diesmal sind es keine modernen Kompositionen, sondern es spielen Jerry Willard archlute, Barockgitarre und moderne Gitarre sowie das „Duo Transatlantique (Benjamin Beirs & Maud Laforest, Gitarren) Werke von Petit, Albéniz, Scarlatti und Debussy.
Die neueste Ausgabe von Soudboard, hier eingegangen am 13. August 2009, enthält zunächst mehrere Nachrufe auf den amerikanischen Gitarristen John King (1953-2009), der am 3. April 2009 verstorben ist. John King hat sich vor allem als exzellenter Ukulele-Spieler profiliert, als Gitarist, Komponist und Herausgeber. Verschiede kleinere Beiträge in der vorliegenden Ausgabe von Soudboard stammen von John King, ebenso eine Ausgabe.
Stefan Hackl schreibt danach „A Survey of Nineteenth Century Viennese Guitar Methods”. Natürlich dreht es sich dabei weitgehend um den von Hackl selbst herausgegebenen „Versuch einer vollständigen methodischen Anleitung zum Guitarre-spielen” von Molitor/Klinger, die 1812 in Wien erschienen ist (Faksimile-Nachdruck hrsg. v. Stefan Hackl, Wien 2008, Doblinger DM 1421). Aber zahlreiche andere Schulen werden behandelt, darunter der 1801 erschienene „Fondament” von Leopold Neuhauser oder auch die „Neue theoretisch=praktische Reform Guitarre-Schule” von Alois Götz, die eine enorme Popularität besessen hat.
Hackl untersucht die Parallelen, was aufführungspraktische Angaben in den unterschiedlichen Lehrwerken angeht, und vergleicht sie auch mit anderen europäischen Schulen wie Carulli und auch Aguado und Sor. „The Viennese tradition, founded on Giuliani, Molitor and others, has developed its own profile and extended into the twenteeth century in spite of all the influences from other guitar centers. It only. It only end with the methods by Johann Decker-Schenk (1892) and Alois Götz (1900), whose pupil Jakob Ortner only started to advocate the new Spanish school in the 1920s after meeting Miguel Llobet, Andrés Segovia and Emilio Pujol.”
Daniel und Françoise Sinier de Ridder, Autoren eines bemerkenswerten Buchs über Gitarren (La Guitare, 1659-1950 Vol. 1, Paris 2007) schreiben danach über Joseph und Louis Pons. Die beiden waren Söhne des Instrumentenmachers Cesar Pons (1748-1831). Joseph (1776-18??) wurde dann der Lehrmeister zweier prominenter französischer Gitarrenbauer, nämlich von Giullaume Martin und René Lacôte. Viele Neuerungen im Gitarrenbau gehen auf einen der Pons-Brüder zurück … und doch ist nur wenig über sie bekannt. Daniel und Françoise Sinier de Ridder untersuchen die erhaltenen Instrumente – und das ist im Moment das einzige auswertbare Archivmaterial, das ihnen zur Verfügung gestanden hat. Sie schließen mit den Worten: „We do hope that some day an historian or a musicologist will have the heart for finding administrative, family or commercial archives about the Pons family and will give us all the information that we cannot obtain solely by examining the guitars.” Weiterlesen Soundboard XXXV/2009/Nº 3
Von den Vihuelisten ist Diego Pisador der am wenigsten gepriesene und hochgelobte – so jedenfalls stellt es sich mehr als vierhundert Jahre nach seinem Tod dar. Wir wissen sehr wenig über den Musiker und Kompilator der Vihuela-Anthologie „LIBRO DE MUSICA DE VIHUELA” von 1552, die in dem Ruf steht, nur wenige ungebundene, freie Instrumentalstücke zu enthalten, dafür aber zahlreiche Intavolierungen: vier Messen von Josquin darunter oder Motetten zu vier, fünf oder acht Stimmen. Bei genauerer Betrachtung stellt sich aber heraus, dass ein beträchtlicher Teil des Buches von Pisador allein 24 Fantasien enthält und dass sich auch sonst Tanzsätze und Einrichtungen höchst weltlicher Gesänge finden. Auch liest man gelegentlich, das Buch von Pisador enthalte zahlreiche Fehler und die Sätze seien spröde und vergleichsweise unmusikalisch. Es bleibt zu prüfen, ob es gute Gründe dafür gibt, dass Stücke von Milan oder Mudarra immer wieder, solche von Diego Pisador aber extrem selten in Programme von Gitarristen oder Vihuelisten aufgenommen werden.
Nun hat das Detmolder Label Carpe Diem eine CD unter dem Titel „Si me Llaman” herausgebracht, die ganz dem Œuvre von Pisador gewidmet ist. Der Countertenor José Hernández-Pastor und Ariel Abramovich, Vihuela, sind die Interpreten … ein musikalisches Tête-à-Tête besonders intimer Art
Si Me Llaman: Diego Pisador, Salamanca 1552
El Cortesano (José Hernández-Pastor und Ariel Abramovich)
Aufgenommen im Oktober 2008, erschienen 2009
CARPE DIEM [www.carpediem-records.de] (in Deutschland bei Klassic-Center, Kassel [www.ClassicDisc.de]) CD 16276
Der Villancicos bei Pisador nimmt sich diese CD an. Villancicos waren volkssprachige Gesangsstücke zu populären Themen, die gegen Mitte des 16. Jahrhunderts in Spanien außerordentlich beliebt waren. Juan Vásquez (1500-1560), ein Priester, der verschiedene Sakralwerke komponiert hat, war berühmt für seine sehr weltlichen Villancicos, die 1560 als „Recopilación de sonetos y villancicos a cuatro y a cinco” in Sevilla herausgekommen sind. Von ihm stammt auch „Si me llaman”, ein Villancico, der die weibliche Schönheit besingt und der vorliegender CD ihren Namen gegeben hat.
Was wir zu hören bekommen, ist sehr intime, introvertierte Musik von höchster Klangschönheit. Dass eine Vihuela ein sehr zartes Instrument war und ist, wissen wir … oder mindestens können wir es uns vorstellen. Einen modernen Nachbau des Instruments, besaitet vermutlich mit Nylon statt mit Darm und gespielt von einem Musiker des 21. Jahrhunderts, der an andere Lautstärke-Pegel gewöhnt ist als seine Kollegen vor 450 Jahren, muss man stark zurücknehmen, um ein musikalisches Tête-à-Tête so intimer Art zu erreichen. Und das gelingt hier im Zusammenspiel mit einem Sänger, der sich auch hie und dort beinahe auf ein Flüstern einstellen muss! Das ist hohe Kunst! José Hernández-Pastors Stimme verliert bei allem nicht einmal ihren strahlenden Glanz.
Bei aller Begeisterung für diese Pisador-Einspielung … eine Kritik muss erlaubt sein! Es ist in den begleitenden Papieren mehrmals von einer Ersteinspielung die Rede. Ist sie nicht! Zehn Jahre vor ihr erschien in Salamanca eine CD, die gleichzeitig ein Buch über den Komponisten enthält:
La Musica de Diego Pisador
vezino de la ciudad de Salamanca
Felipe Sánchez Mascuñano, Vihuela; Myriam Vincent, Gesang
Erschienen 1995
ARS VIVA, AVA 16101
… nicht wirklich präsentabel …
Hier wird Diego Pisador als Bürger von Salamanca gefeiert, als touristische Attraktion sozusagen. Die Aufnahme ist weit weniger fesselnd, gelegentlich regelrecht langweilig — und das bezieht sich leider auf beides, den Gesang und auch auf das Vihuela-Spiel.
Dabei fängt alles ganz gut an. Die CD beginnt mit eben dem Villancico von Juan Vásquez, der der CD von El Cortesano den Namen gegeben hat: „Si me llaman”. Aber schon der nächste, „Si la noche haze escura” verläuft und wirkt spannungslos.
Schade eigentlich, denn bei dieser Produktion merkt man, dass mit viel Elan, Stolz und gutem Willen etwas begonnen wurde, das hinterher nicht wirklich präsentabel ausgefallen ist. Das begleitende Buch übrigens enthält die Unterweisungstexte des Buches von Diego Pisador in Reinschrift, dazu weitere informative Texte in spanischer Sprache. Ein knapperer Text ist dann auch in englischer, französischer, deutscher und japanischer Sprache enthalten. Der deutsche Text, und nur den habe ich überprüft, ist fehlerhaft.
Übrigens trägt auch die Produktion von ARS VIVA den Hinweis darauf, sie sei eine Erstaufnahme … und damals hat das vermutlich auch gestimmt!
Die Ausgaben der Reihe „Musik für Gitarre” von Karl Scheit haben das Wirken mehrerer Generationen von Gitarristen bestimmt — und zwar, was die Auswahl an Werken angeht und ihre editorische und spieltechnische Ausgestaltung. Schon vorher waren im gleichen Verlag, der Wiener Universal Edition, die Lehrwerke erschienen, die Scheit zusammen mit seinem Kollegen Erwin Schaller herausgebracht hatte, 1939 dann die beiden ersten Ausgabe der Editionsreihe. Es waren die „10 Stücke” von Alfred Uhl (UE 11180 und 11181). Sie erschienen, wie Karl Scheit mir selbst sagte, „im Nachthemd”, also ohne Umschlag, weil zu Kriegszeiten Papier knapp war (s. Peter Päffgen, Die großen Gitarrenmusik-Verlage: Universal Edition, Wien, in: Gitarre & Laute I/1979/Nº 1, S. 41-43).
Auch noch zu Kriegszeiten, 1944 nämlich, kam die Suite D-Moll von Robert de Visée heraus. Im Vorwort heißt es: „Die Suite wird hier, soweit mir bekannt, zum ersten Male auf Grund des Originaldruckes veröffentlicht” … sollte Karl Scheit tatsächlich die Ausgabe seines Kollegen Emilio Pujol von 1928 nicht gekannt haben (Max Eschig ME 1007 und 1007b)? Ein paar Jahre später, 1954, kam José de Azpiazu mit seiner Ausgabe auf den Markt (Symphonia Verlag Basel, Sy. 2359) und er hat sich — völlig gegen jede Erwartung —beinahe genauer an de Visées Tabulatur gehalten, als es Scheit getan hatte.
Im März 1957 nahm Andrés Segovia die Suite für DECCA auf (DL 9638) und damit dürfte ihr Höhenflug besiegelt worden sein. Welche Ausgabe ihm zur Verfügung gestanden hat, weiß man nicht, es war aber vermutlich nicht die Tabulatur.
Nach dem internationalen Erfolg des Stücks entstanden etliche Neuausgaben, bei denen gewohnheitsgemäß einer vom anderen abgeschrieben hat — das lässt sich für einige Editionen nachweisen, soll aber hier nicht Thema sein. Das Stück war jedenfalls war so populär, dass Siegfried Behrend es bei Zimmermann schlichtweg als „Berühmte Suite” herausgegeben hat … übrigens bezweifle ich auch bei dieser Ausgabe, dass sie anhand und in Kenntnis der ursprünglichen Quellen entstanden ist!
Die Ausgabe von Karl Scheit von 1944 war richtungweisend … aber sie war natürlich ein Kind ihrer Zeit. Dass Herausgeber speziell von Gitarrenmusik sich erst allmählich daran gewöhnen mussten, vorsichtig und gewissenhaft mit dem gegebenen Material umzugehen, haben wir erfahren müssen. Viel zu oft sind Ausgaben anhand zweifelhafter Quellen entstanden oder bewusst Änderungen vorgenommen worden, über die die Benutzer der Ausgaben nicht einmal informiert worden sind. Die UE beginnt nun offenbar, die bekannte Ausgaben-Reihe von Karl Scheit einer Prüfung zu unterziehen und einzelne Hefte, wenn es angebracht ist, durch revidierte Neuausgaben zu ersetzen. „Zum anderen gibt es nach wie vor Werke, die noch nie in der von Karl Scheit realisierten praktischen und pädagogischen Qualität herausgegeben wurden.”
Robert de Visée, Suite en ré mineur für Gitarre, hrsg. v. Olaf van Gonnissen, Thomas Müller-Pering und Johannes Monno, Wien 2009: Universal Edition UE 34480, € 10,95
Santiago de Murcia, Suite en ré mineur für Gitarre, [gleiche Herausgeber] Wien 2009, UE 34481, € 10,05
[für beide] Reihe: Neue Karl Scheit Gitarrenedition
Alexander Ivanov-Kramskoy (26.8.1912—11.4.1973). Fotograf: N.N., Originalabzug im Bildarchiv Gitarre & Laute, Köln
Er ist eine Legende, gilt als der Erneuerer der klassischen Gitarre in Russland und als Bewahrer verloren geglaubter Traditionen: Alexander Ivanov-Kramskoy (26.8.1912—11.4.1973). Früh machte Joszef Powroźniak hier auf ihn aufmerksam (Gitarre & Laute II/1980/Nº 5, s.28—31): “Zum Hauptpfeiler der klassischen Gitarrenmusik gehörte der früh verstorbene Schüler Agafošyns Aleksandr Iwanow-Kramskoj (1912—1973). Dieser Künstler war nicht nur ein konzertierender Gitarrist und Lehrer, sondern auch Komponist ungefähr 500 origineller Werke, darunter zwei Konzerte für Gitarre und Orchester und eine Schule für klassische Gitarre, die in vielen Auflagen erschien.“
Hier liegen nun Klangaufnahmen von Alexander Ivanov-Kramskoy vor, die er zusammnen mit dem Geiger Leonid Kogan und dem Cellisten Fyodor Lusanov 1950/1951 gemacht hat:
F. Gragnani, N. Paganini, M. Giuliani
Leonid Kogan, violin, Alexander Ivanov-Kramskoy, guitar, Fyodor Lusanov, cello
MELODIYA in Deutschland bei CODAEX, www.codaex.com, 1000655
Aufgenommen 1950/1951, erschienen 2008
Natürlich, die Violine ist das dominante Instrument dieses Repertoires, sie spielt die erste Geige, und doch haben wir es mit ausgewogener Kammermusik zu tun, die von den Musikern hier auch sehr sensibel das klangliche Ungleichgewicht auslotend gespielt wird. Die zwei kleinen Sonaten für Violine und Gitarre von Paganini (Opp. 2/1 und 3/4) sind die “Violinlastigsten”. Sie belegen wortreich des Komponisten Anspruch darauf, zu den großen Virtuosen seiner Zeit zu gehören … und zwar auf der Violine, nicht der Gitarre, obwohl er auch dieses Instrument beherrscht hat! Hier kümmert die Gitarre als Begleitinstrument so vor sich hin. Das Allegretto der zweiten Sonate ist der keckste der insgesamt vier Sätze von Paganini — keck im Sinne von vorwitzig mit Virtuosität prahlend.
Gleich danach hören wir dann das ausgewogene Musizieren Gleichberechtigter: Trio für Violine, Cello und Gitarre von Mauro Giuliani. Man darf dankbar sein, dabei sein zu dürfen. Ist nicht Kammermusik eigentlich hauptsächlich für die Ausführenden geschrieben und weniger für außenstehende Zuhörer? Hier lauschen wir jedenfalls einem intimen Gespräch zwischen drei Gleichgesinnten. Einem Gespräch, keinem Streit!
Danke für diese historische Aufnahme, der man ihr Alter nicht anmerkt. Natürlich ist Alexander Ivanov-Kramskoy für uns die Hauptperson, aber auch Leonid Kogan (14.11.1924—17.11.1982) zu hören, den neben David Oistrakh berühmtesten Vertreter der russisch-jüdischen Geigertradition dieser Zeit, ist ein Vergnügen!