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Der Cembalist, Organist, Dirigent, Musikologe, Lehrer und Herausgeber Gustav Leonhardt (30. 5. 1928—16.1.2912) war einer der bedeutendsten Exponenten der „Alte Musik-Bewegung“. Zwischen 1947 und 1950 hat er Cembalo an der Schola Cantorum Basiliensis studiert, danach Musikwissenschaft in Wien. Dort wirkte er später auch als Professor bis er 1954 wieder in sein Heimatland, die Niederlande, zog. Dort lehrte er fortan am Amsterdamer Konservatorium.
Gustav Leonhardt hat die Szene der „Alten Musik“ entscheidend mitgeprägt. Mit seinem „Leonhardt Consort“ und in Zusammenarbeit mit Nikolaus Harnoncourt, den er in Basel kennengelernt hatte, spielte er zwischen 1971 und 1990 erstmalig sämtlich Bach-Kantaten auf LP bzw. CD ein, daneben entstanden andere epochale Aufnahmen von Cembalo- und barocker Ensemblemusik.
Das folgende Interview erschien 1984 in Heft 2 meiner Zeitschrift „CONCERTO—Das Magazin für Alte Musik“. Gerd Berg, damals Plattenproduzent bei der Kölner EMI und Initiator der legendären Plattenreihe „Reflexe“, stellte die Fragen. Das Interview entstand im „Bürgerhaus Bergischer Löwe“ in Bergisch Gladbach, wo noch am gleichen Abend ein Konzert von Gustav Leonhardt mit dem Cellisten Anner Bylsma stattfinden sollte. Anner Bylsma stieß später zu den Gesprächspartnern und wurde in das Interview einbezogen.
Dirigieren ist der einfachste Beruf
Gerd Berg im Gespräch mit Gustav Leonhardt
CONCERTO: Wenn man Sie im Konzert mit Ihren alten Weggefährten hört, wenn man Sie an Cembaloabenden Ihren so ganz schnörkellosen Bach spielen hört, dann kann man sich kaum noch vorstellen, welche Aufregung das damals verursacht hat, als Sie zum ersten mal aufgetreten sind. Ich weiß noch aus eigener Erfahrung, wie eigenartig diese Mischung von Leuten war: die einen, die sofort überzeugt waren und die anderen, die das ungeheuer befremdet hat.
LEONHARDT: Die gibt es noch heute, aber die kommen nicht mehr, das hat sich getrennt.
CONCERTO: Sie sind eine der Gestalten, die am konsequentesten und unberührtesten ihren Weg gegangen sind, ohne ganz spektakuläre Wege gegangen zu sein, um die große Masse des Publikums auf einen Schlag gewinnen zu wollen. Wie hat sich das entwickelt? Welcher Gedanke hat Sie bestimmt, als Sie anfingen?
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Franz Josef Degenhardt, geboren am 3. Dezember 1931 in Schwelm, lebt nicht mehr. Am 14. November 2011 starb er in Quickborn.
Franz Josef Degenhardt war als Rechtsanwalt Partner in einer Hamburger Sozietät, als Dichter und Schriftsteller bleibt er mit vierzehn Romanen und anderen Büchern in Erinnerung …
Franz Josef Degenhardt war eine Stimme der 68er-Bewegung … so steht’s in Wikipedia. Für mich war er nicht eine, sondern die Stimme der 68er-Bewegung. Und er war der Poet der 68er-Bewegung. Einer, der keine Parolen krakeelt hat, sondern seine Hörer in sein Denken einbezog und ihnen etwas abforderte. Wenn ich heute die Geschichte von Horsti Schmandhoff höre oder Degenhardts Schilderung des deutschen Sonntags. Oder „Vatis Argumente“ und die vom „Notar Bolamus“, dann bin ich konfrontiert mit scharfer Kritik, verhöhnender Ironie und sogar bitterer Häme … aber ich höre etwas anderes. Ich höre, zum Beispiel, in grazilen Trippelschritten vorgetragen:
Hütchen, Schühchen, Täschchen passend,
ihre Männer unterfassend,
die sie heimlich vorwärts schieben,
weil die gern zu Hause blieben
und habe die Szene vor mir. Die Bilder liefert das Lied … diskret aber in Farbe! Und auf eines können wir uns verlassen:
„hier darf jeder machen was er will
Im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung
versteht sich.”
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Heute haben wir sie zu Grabe getragen, die Pianistin und Musikologin, die Querdenkerin, Kölnerin und Weltenbürgerin Grete Wehmeyer. Mit Büchern über Eric Satie und Edgar Varèse hat sie sich in den siebziger Jahren einen Namen gemacht, danach hat sie die „Entschleunigung von klassischer Musik“ betrieben bzw., um genau zu sein, hat sie sich zunehmend mit der wissenschaftlichen Erforschung von Tempo und Geschwindigkeit in der Aufführung klassischer Musik befasst. „Bach zügig, Mozart äußerst frisch, Beethoven geduckt dahinsausend, Chopin und Liszt rasant – so muss klassische Musik sein, so entspricht sie unserem Lebensgefühl, so klingt sie von Schallplatten, aus dem Radio, im Konzertsaal und im Opernhaus. Schnell muss Musik gespielt werden, wie Autos und Züge schnell fahren müssen, damit wir nicht nervös werden.“ [Grete Wehmeyer, prestißißimo: Die Wiederentdeckung der Langsamkeit in der Musik, Hamburg 1989 und Reinbek 1993]
Das Thema „Tempo und Geschwindigkeit“ hatte sie aus Japan mitgebracht, wo sie zwischen 1982 und 1984 eine Gastprofessur für Klavier an der Musashino-Akademie ausgefüllt hatte. Aber auch vorher waren ihr Themen aus diesem Bereich nicht fremd. In „ARS MUSICA—MUSICA SCIENTIA“ [Festschrift Heinrich Hüschen zum fünfundsechzigsten Geburtstag, Köln 1980], schrieb sie zum Thema: „Die Kunst der Fingerfertigkeit und die kapitalistische Arbeitsideologie“: „Die heutigen Höchstleistungen auf allen Musikinstrumenten und im Gesang sind ebenso das Produkt kapitalistischen Geistes wie der gegenwärtige Höchststand von Industrialisierung und Technisierung. Die Basis ist hier wie dort die Ideologie der Arbeit, die als Preis Askese fordert. Der »Prozess der Zivilisation« hat hier wie dort zu erheblichen Restriktionen der ungezwungenen menschlichen Äußerungen im Täglichen wie auch in der Kunst geführt.“
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Scott B. Montgomery, St. Ursula and the Eleven Thousand Virgins of Cologne: Relics, Reliquaries and the Visual Culture of Group Sanctity in Late Medieval Europe. Frankfurt am Main u.a., 2010, Peter Lang Vlg., ISBN 978-3-03911-852-6, € 41,60
Im vierten Jahrhundert soll es sich zugetragen haben, dass in Britannien die Tochter des Königs ihr Leben Christus geweiht hatte, dass aber der heidnische König von Anglia sie seinem Sohn Ætherus zur Frau geben wollte. Sie ging zum Schein auf das Werben ein, stellte aber die Bedingung, dass sich ihr Bräutigam taufen ließ und dass ihr drei Jahre Zeit bis zur Hochzeit blieben. Sie begab sich mit elf Freundinnen auf eine Schiffsreise, die sie nach Rom bringen sollte. Den Rhein entlang, vorbei an Köln, fuhren sie bis nach Basel, um dann den Weg zu Fuß weiter zu gehen. Auf dem Rückweg kamen sie wieder an Köln vorbei, wo die Hunnen unter ihrem Anführer Attila das Regime führten. Die Hunnen ermordeten alle meuchlings bis auf die Königstochter. Als die sich aber Attila verwehrte, ermordete er auch sie. So lautet die älteste Version der Ursula-Legende, die später auf vielfältige Weise ausgeschmückt werden sollte.
Der Edelmann Clematius baute im vierten oder fünften Jahrhundert auf eigenem Grund in Köln eine Kirche und hinterließ eine Steinplatte mit lateinischer Inschrift. Dort heißt es, er, Clematius, habe an der Stelle des Meuchelmords an den Jungfrauen, die ihr Blut für Christus geopfert hätten, die Basilika errichtet. Vier- bis fünfhundert Jahre später finden wir Zeugnisse des Jungfrauenkults im Rheinland, gleichzeitig wird auch der Name Ursula erstmalig erwähnt.
Die Anzahl der angenommenen Begleiterinnen wurde nicht viel später von elf auf elftausend erhöht … und damit begann eine wundersame Ausweitung des Ursulakults. Aus der lateinischen Inschrift „XIM“, für „undecim martyrum“ („elf Märtyrer“) war „undecim millium“ („elftausend“) gelesen worden, indem das „M“ als das lateinische Zeichen für „tausend“ interpretiert wurde. Als dann im Jahr 1106 bei Arbeiten an der Kölner Stadtmauer ein riesiges Gräberfeld gefunden wurde und die Zahl der Gebeine mit den elftausend Jungfrauen nach Augenmaß übereinstimmte, wurde die Ursula-Verehrung immer weiterreichend. Dass die Römer an der nach Norden führenden Ausfallstraße ihrer Stadt COLONIA CLAUDIA ARA AGRIPPINENSIUM, ihre Toten begraben hatten, und dass diese Straße, der heutige Eigelstein, in unmittelbarer Nachbarschaft der Basilika des Clematius lag, wurde dabei nicht näher untersucht. Zur gleichen Zeit wurde begonnen, an gleicher Stelle eine neue Basilika zu errichten, die heutige Ursula-Kirche, die im Verlauf ihrer Geschichte mehrere bauliche Umgestaltungen erlebte, die aber als eine der romanischen Kirchen Kölns zu den Wahrzeichen der Stadt gehört.
Scott B. Montgomery, der Autor der vorliegenden Studie, ist Kunsthistoriker und hat 1996 mit einer Arbeit über „The Use and Perception of Reliquary Busts“ an der Rutgers University in New Brunswick/New Jersey promoviert. In seinem aktuellen Buch dreht es sich weniger um den Ursulakult an sich sondern vielmehr um die Frage, wie ab dem zwölften Jahrhundert mit den „Reliquien“ umgegangen wurde, mit den Beweisstücken für die Ermordung der elftausend Jungfrauen also.
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[CD] Georges Bizet, Le Docteur Miracle, Opera in one Act, Libretto: Léon Battu and Ludovic Halévy, Christiane Eda-Pierre, Robert Massard, Rémy Corazza; Orchestra of Radio France, Ltg. Bruno Amaducci Aufgenommen als Rundfunk-Aufführung am 1. März 1976; Neuausgabe Allegro Corporation [Allegro Corporation] 2010, OPD 7077 in der Reihe Gran Tier; Vertrieb bei Sunny Moon, Köln [Sunny Moon]
[Buch] Christoph Schwandt, Georges Bizet: Eine Biografie, Mainz u.a. 2011, SCHOTT MUSIC, ISBN 978-3-254-08418-7, € 12,99
[DVD] Johannes Brahms, Symphonie Nº 2, Georges Bizet, Symphonie Nº 1, The State Radio and Television Symphony Orchestra, Moscow, Pavel Sorokin und Amar Lapinsch. Aufgenommen im Juni 2001 im großen Saal des Moskauer Konservatoriums, 5-Tone Platinum Edition 97002, im Vertrieb von Cascade [Cascade]
[CD] Fast immer, wenn man den Namen Georges Bizet (1838—1875) hört, geschieht das im Zusammenhang mit seiner Oper „Carmen“. Sie war sein großer Erfolg und ist heute noch eine der am häufigsten aufgeführten Opern überhaupt, zusammen mit Werken von Mozart und Verdi … aber leider ist Bizet nie in den Genuss seines Welterfolgs gekommen. „Carmen“ ist am 3. März 1875, gerade einmal drei Monate vor seinem Tod, in Paris uraufgeführt worden. Georges Bizet war nicht einmal 37 Jahre alt.
Noch im gleichen Jahr, genau am 2. Oktober 1875, wurde „Carmen“ auch an der Wiener Hofoper gegeben, 1876 in Brüssel und Budapest und 1878 in St. Petersburg, Stockholm, London, New York und Philadelphia. Ähnlich turbulent sollte es mit der Karriere der Oper weitergehen. Georges Bizet konnte nicht einmal mehr die notwendigen Änderungen an seiner Oper vornehmen oder überwachen. Schon für die erste Wiener Aufführung mussten die in Paris noch gesprochenen Dialoge durch Rezitative ersetzt werden, die schließlich Bizets Studienkollege und Freund Ernest Guiraud (1837—1892) komponierte.
Aber Bizet war kein „one-piece-composer“ – das verrät kurz und knapp das Werkregister in Christoph Schwandts Biografie, der aber auch auf das „derzeit verlässlichste Verzeichnis sämtlicher Werke Bizets“ hinweist. Es steht im Artikel „Bizet“ der zweiten Auflage der MGG, Bd. 2, Sp. 1712—1717 (Kassel 1999). Warum außer „Carmen“ kein Werk von Georges Bizet erwähnenswerte Aufführungszahlen vorweisen kann, diese Frage ist bisher nicht plausibel beantwortet worden.
Im Gegensatz zu „Carmen“ sind nämlich die anderen Bühnenwerke Bizets weitgehend vergessen. Nur „Les Pêcheurs de perles“ wird gelegentlich gegeben und schaut man in den „Gramophone Classical Music Guide 2011“ findet man acht CD-Produktionen von „Carmen“ und eine einzige der erwähnten „Perlenfischer“. Ansonsten ist eine Aufnahme der Symphonie C-Dur von Bizet verzeichnet und zwei Aufnahmen der beiden „l’Arlésienne“- Suiten.
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Johann Sebastian Bach, Matthäus-Passion BWV 244
La Petite Bande, Sigiswald Kuijken
Aufgenommen im April 2009
Challenge Classics [challengerecords.com], in Deutschland bei Sunny Moon, Köln [sunny-moon.com]
CC72357
… So allerdings, Chapeau!, ist die Einspielung ein unvergleichbares Vergnügen …
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Johann Sebastian Bach, Matthäus-Passion BWM 244
Dresdner Kammerchor, Knaben des Kölner Domchores, Kölner Kammerorchester: Helmut Müller-Brühl
Aufgenommen im Mai 2005
Naxos [naxos.com] 8.551240-42
… keine Überraschungen …
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Als sich Musiker in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit alter Musik beschäftigten, standen sie weniger in der aufführungspraktischen Tradition der Musiker der Bachzeit, als vielmehr in der des 19. Jahrhunderts. Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809—1847) war der Erste gewesen, der die Matthäuspassion nach Bachs Tod wieder aufgeführt hatte – am 11. März 1829 in der Singakademie in Berlin. „Der Chor bestand lt. Tagesliste der Singakademie aus 47 Sopran-, 36 Alt-, 34 Tenor- und 41 Baßstimmen, die Solisten eingeschlossen. Die Gesamtzahl der Sänger betrug somit 158, nicht aber, wie in den Erinnerungen Devrients [Eduard Devrient, 1801—1877, Schauspieler, Sänger und Theaterdichter, hatte als Solist in der Aufführung von 1829 mitgewirkt] und seitdem immer wieder in der Literatur zu lesen, 300—400.“ [Martin Geck 1967, S. 34] Auch, wenn die Zahlen Devrients nicht stimmen – seine übertreibende Schilderung zeigt, dass er sich einen größeren Chor durchaus vorstellen konnte … und vielleicht auch gewünscht hat.
Schließlich sollte es auch so kommen: Von einer Aufführung der Passion im Jahr 1833 wird berichtet, bei der 10 Solisten, 220 Chorsänger und 112 Instrumentalisten, darunter 86 Streicher, mitgewirkt haben. Noch 1973 nahm Herbert von Karajan mit einem ausgewachsenen symphonischen Orchester die Passion auf (den Berliner Philharmonikern) – zu einer Zeit, als die Bemühungen um eine Rekonstruktion der historischen Aufführungspraxis längst Früchte trugen. 1991 schrieb der Musikologe Emil Platen in seinem Buch über die Matthäuspassion (Bärenreiter/dtv) über eine „als authentisch geltende Aufführung“: „Den rund 35 Instrumentalisten stehen etwa zwölf bis zwanzig Sänger in jedem Chor und etwa sechs für den Cantus firmus im Eingangssatz gegenüber; die hohen Chorstimmen werden von Knaben, im Alt wohl auch von falsettierenden Männern gesungen. Musiziert wird in „alter Stimmung“, etwa einen Halbton unter dem heute üblichen Kammerton, ohne Vibrato, überwiegend in staccato-Artikulation, in schnellen Zeitmaßen und einer skandierenden, die ersten Zählzeiten des Taktgefüges besonders akzentuierenden Manier.“
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Florilegium? Dieser Begriff hat mich seit Jahren interessiert und fasziniert … hauptsächlich, weil Adrian Denss im Jahr 1594 einen Sammelband mit Lautentabulaturen herausgegeben hat, der diesen Titel trug. FLORILEGIVM OMNIS FERE GENERIS CANTIONVM SVAVISSIMARVM AD TESTVDINIS TABVLATURAM ACCOMODATARVM LONGE JVCVNDISSIMVM. Dieser Band hatte für mich zwei Besonderheiten: Er war der erste Band dieser Art, den ich tatsächlich, also nicht als Fotokopie oder Faksimile, in der Hand hatte. Das war, 1974 vielleicht oder 1975, in der Universitätsbibliothek in Köln. Und zweitens war dieses Buch ein Kölner Erzeugnis. Der Drucker und Verleger Gerardus Grevenbruch in Köln hat zwei bedeutende Bücher für Laute herausgegeben: Das Florilegium 1594 und 1603 dann den THESAURUS HARMONICUS von Jean-Baptiste Besard.
Also: Florilegium heißt Blütenlese oder Lesefrüchte … wobei mir “Blütenlese” besser gefällt. Was habe ich gelesen und gesehen oder gehört und was ist mir in Erinnerung? So habe ich mir meinen Weblog vorgestellt. Sollte jemand Interesse daran haben zu lesen, was mir aufgefallen ist – hier hat er die Möglichkeit!
Und jetzt bin ich durch die außerordentlich verdienstvolle Arbeit der Bayerischen Staatsbibliothek in München noch einmal daran erinnert worden, meinen Lesern den Namen FLORILEGIUM nahe zu bringen. Dort nämlich, bei der BNB, gibt es das Florilegium von Denss mittlerweile online als PDF
FLORILEGIVM OMNIS FERE GENERIS CANTIONVM SVAVISSIMARVM AD TESTVDINIS TABVLATVRAM ACCOMODATARVM LONGE JVCVNDISSIMVM
Foto: Peter Päffgen, Johannes Jansen, Bernd Heyder, Manfred Johannes Böhlen am 14. September 2008 anlässlich einer Buchpräsentation und des Geburtstages von CONCERTO im Kölner Deutschlandfunk (Foto © Heinz-Dieter Falkenstein)
Sich mit alter Musik so zu befassen, dass man sie „Alte Musik“ nannte, war in den 1970er und den frühen 1980er Jahren immer noch etwas Besonderes. Auf den Plattenhüllen derer, die das machten, wurde unübersehbar darauf hingewiesen – wenn nicht gleich ganze Labels ausschließlich der Pflege der „historischen Aufführungspraxis“ vorbehalten blieben oder just dafür entstanden waren. Die Archiv Produktion der Deutschen Grammophon zum Beispiel war 1949 gegründet worden, unter anderem um dem endgültigen Verlust historischer Orgeln und anderer Musikinstrumente mindestens durch Klangdokumentationen entgegenzuwirken, die nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen hergestellt und auf Schallplatten veröffentlicht werden sollten und wurden. Das Programm der Archiv Produktion war in „Forschungsbereiche“ unterteilt, I: Gregorianik bis XII: Mannheim und Wien (1760—1800). Bei der Gestaltung der Schallplatten wurde auf jegliche Bebilderung verzichtet, bei der künstlerischen wie technischen Ausstattung an nichts gespart.
Zur gleichen Zeit, Ende der vierziger Jahre, trafen sich an der Wiener Hochschule für Musik und Darstellende Kunst der niederländische Cembalist Gustav Leonhardt und Nikolaus Harnoncourt, damals im Brotberuf Cellist bei den Wiener Symphonikern unter Herbert von Karajan. Der eine gründete wenig später das Leonhardt-Consort, sein Kommilitone den Concentus Musicus. Zusammen planten und realisierten sie Aufnahmen von Bach-Kantaten … und sie interessierten Schallplatten-Produzenten für ihre Projekte. „Schon vor Jahren, als ich mit Harnoncourt zusammentraf, sagten wir uns: Das alles darf nicht stehenbleiben bei den Dingen am Rande, wir müssen die Matthäuspassion und die Johannespassion einbeziehen und auf diesem Wege Veränderungen bewirken, wir müssen sogar zur Klassik vorstoßen“ meinte Gustav Leonhardt 1984. Wenn Musik als „Alte Musik“ bezeichnet wird, war und ist das nur am Rand eine Altersangabe – es ist mehr eine Aussage über die Herangehensweise an die Interpretation dieser Musik. Grundsätzlich muss ein Interpret entscheiden: Übertrage ich die Musik vergangener Zeiten in meine Zeit, spiele ich sie also so, wie heute musiziert wird, oder versuche ich, Musik so aufzuführen, wie sie vermutlich zu ihrer Entstehungszeit aufgeführt worden ist? Nikolaus Harnoncourt meint dazu [Musik als Klangrede 1982]: „Diese Einstellung zur historischen Musik – sie nicht in die Gegenwart hereinzuholen, sondern sich selbst in die Vergangenheit zurückzuversetzen – ist Symptom des Verlustes einer wirklich lebendigen Gegenwartsmusik […] Die Musik Bruckners, Brahms’, Tschaikowskys, Richard Strauss’ und anderer war noch lebendigster Ausdruck ihrer Zeit. Dort aber ist das ganze Musikleben stehengeblieben: diese Musik ist noch heute die am meisten und liebsten gehörte, und [jetzt kommt die Folgerung] die Ausbildung der Musiker an den Akademien folgt noch immer den Prinzipien dieser Zeit. Es scheint fast, als wolle man nicht wahrhaben, dass seither viele Jahrzehnte vergangen sind.“ Entscheidet sich ein Interpret also dafür, ältere Musik in seine Zeit zu übertragen und sie mit den zu seiner Zeit zur Verfügung stehenden Stilmitteln zu realisieren, wählt er nicht wirklich die „moderne“ Variante, sondern auch eine historische, aber eine falsche … es sei denn, er befasst sich mit spätromantischer Musik.
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