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Fundsachen zum Thema Georges Bizet

[CD] Georges Bizet, Le Docteur Miracle, Opera in one Act, Libretto: Léon Battu and Ludovic Halévy, Christiane Eda-Pierre, Robert Massard, Rémy Corazza; Orchestra of Radio France, Ltg. Bruno Amaducci Aufgenommen als Rundfunk-Aufführung am 1. März 1976; Neuausgabe Allegro Corporation [Allegro Corporation] 2010, OPD 7077 in der Reihe Gran Tier; Vertrieb bei Sunny Moon, Köln [Sunny Moon]

[Buch] Christoph Schwandt, Georges Bizet: Eine Biografie, Mainz u.a. 2011, SCHOTT MUSIC, ISBN 978-3-254-08418-7, € 12,99

[DVD] Johannes Brahms, Symphonie Nº 2, Georges Bizet, Symphonie Nº 1, The State Radio and Television Symphony Orchestra, Moscow, Pavel Sorokin und Amar Lapinsch. Aufgenommen im Juni 2001 im großen Saal des Moskauer Konservatoriums, 5-Tone Platinum Edition 97002, im Vertrieb von Cascade [Cascade]

[CD] Fast immer, wenn man den Namen Georges Bizet (1838—1875) hört, geschieht das im Zusammenhang mit seiner Oper „Carmen“. Sie war sein großer Erfolg und ist heute noch eine der am häufigsten aufgeführten Opern überhaupt, zusammen mit Werken von Mozart und Verdi … aber leider ist Bizet nie in den Genuss seines Welterfolgs gekommen. „Carmen“ ist am 3. März 1875, gerade einmal drei Monate vor seinem Tod, in Paris uraufgeführt worden. Georges Bizet war nicht einmal 37 Jahre alt.

Noch im gleichen Jahr, genau am 2. Oktober 1875, wurde „Carmen“ auch an der Wiener Hofoper gegeben, 1876 in Brüssel und Budapest und 1878 in St. Petersburg, Stockholm, London, New York und Philadelphia. Ähnlich turbulent sollte es mit der Karriere der Oper weitergehen. Georges Bizet konnte nicht einmal mehr die notwendigen Änderungen an seiner Oper vornehmen oder  überwachen. Schon für die erste Wiener Aufführung mussten die in Paris noch gesprochenen Dialoge durch Rezitative ersetzt werden, die schließlich Bizets Studienkollege und Freund Ernest Guiraud (1837—1892) komponierte.

Aber Bizet war kein „one-piece-composer“ – das verrät kurz und knapp das Werkregister in Christoph Schwandts Biografie, der aber auch auf das „derzeit verlässlichste Verzeichnis sämtlicher Werke Bizets“ hinweist. Es steht im Artikel „Bizet“ der zweiten Auflage der MGG, Bd. 2, Sp. 1712—1717 (Kassel 1999). Warum außer „Carmen“ kein Werk von Georges Bizet erwähnenswerte Aufführungszahlen vorweisen kann, diese Frage ist bisher nicht plausibel beantwortet worden.

Im Gegensatz zu „Carmen“ sind nämlich die anderen Bühnenwerke Bizets weitgehend vergessen. Nur „Les Pêcheurs de perles“ wird gelegentlich gegeben und schaut man in den „Gramophone Classical Music Guide 2011“ findet man acht CD-Produktionen von „Carmen“ und eine einzige der erwähnten „Perlenfischer“. Ansonsten ist eine Aufnahme der Symphonie C-Dur von Bizet verzeichnet und zwei Aufnahmen der beiden „l’Arlésienne“- Suiten.

Aber es gibt gelegentlich Aufführungen von Bizet-Werken, dafür steht die vorliegende Aufnahme von „Le Docteur Miracle“, die auf eine Rundfunk-Produktion bei Radio France zurückgeht. Diese „Opéra-comique en un acte“ ist am 9. April 1857 uraufgeführt worden: Bizet war neunzehn Jahre alt und hatte an einem Wettbewerb teilgenommen, den Jacques Offenbach ins Leben gerufen hatte. „Das Theater der Bouffes-Parisiens [so schrieb Offenbach in einem Aufruf in der Tageszeitung „Le Figaro“ über sein neues Operettentheater an den Champs-Élisées in Paris] will versuchen, das einfache heitere Genre wieder herzustellen … In einer Oper von etwa dreiviertel Stunden Dauer, die nur drei Personen auf die Bühne bringt und nur ein Orchester von höchstens dreißig Musikern zur Verfügung hat, muß man Ideen und vollwertige Melodien haben … Um der französischen Bühne würdige Künstler zuzuführen, lade ich die jungen Komponisten zu einem kleinen Wettstreit ein. Das Theater, das ich ihnen öffne, verlangt nur drei Dinge von ihnen: Geschicklichkeit, Kenntnisse und Einfälle“.

Bizet gewann den Wettbewerb ex aequo mit Alexandre Charles Lecoq. Die Jury hatte sich nicht auf einen Sieger einigen können, also wurde das Werk von Lecoq am achten April 1857 uraufgeführt und Bizets einen Tag später – beide übrigens mit Jacques Offenbach am Dirigentenpult. Die Opern wurden elf mal gegeben, so war es in den Wettbewerbsbedingungen vorgegeben, danach nicht mehr … bis zum 12. Mai 1951, als das Werk „Le Docteur Miracle“ des inzwischen weltberühmten Georges Bizet in einer Studentenaufführung des Pariser Konservatoriums noch einmal einstudiert und aufgeführt wurde.

Die vorliegende CD von „Le Docteur Miracle“ geht auf eine Aufnahme zurück, die vor 35 Jahren vom französischen Staatlichen Rundfunk ORTF produziert und verbreitet worden ist. Es ist eine konzertante Aufführung gewesen, die eine dem Werk und seinen Dimensionen entsprechende Intimität ausstrahlt. Die Zwischendialoge werden gesprochen und nicht gesungen, oft reichlich dramatisch und mit einem Pathos, das die Sprecher als Bühnenschauspieler entlarvt und nicht als Rundfunksprecher … mit großer Geste und Theatralik.

Es stehen vier Sänger auf der Bühne und nicht drei, wie Offenbach gefordert hatte. So konnte auch die Nummer „Voici l’omelette!“ wie geplant als Quartett untergebracht werden, in dem das Hohe Lied auf ein Omelett gesungen wird … „Elle se compose, note bien la chose, de beurre et puis d’œfs bien battus entre eux!“. Damit hat Bizets sein frühes Gesellenstück in Sachen kurzweiliger musikalischer Unterhaltung präsentiert, witzig und musikalisch stimmig – das Libretto war von den Wettbewerbsveranstaltern vorgegeben.

„Le Docteur Miracle“ entsprach Offenbachs Idee des „einfachen, heiteren Genre“ das er durch seinen Wettbewerb (wieder) beleben wollte. Es sollte das französische Pendant zur Operette oder zur Zarzuela sein, wie sie zur gleichen Zeit viele Menschen unterhielten und für die Interessenten geworben wurden.

Aber Bizet konnte sich letztendlich nicht für Offenbachs kompositorisches Ziel eines „genre primitif et gai“ erwärmen. Er wandte sich zwar gegen den aufgedunsenen Pomp der Grande Opéra, spätestens aber durch die Erfahrungen durch den Wettbewerb um „Le Docteur Miracle“ hatte er eingesehen, dass seine Visionen die Oper betreffend, nicht in Richtung Bouffes-Parisiens gingen … zur Grande Opéra tendierte er allerdings auch nicht. „Er sollte diesen Verzicht auf vordergründigen Aufwand im Stile der Grande Opéra schließlich bei Carmen beispielhaft in den Dienst der Bühnenhandlung stellen.“ [Schwandt, S. 100]

Das Libretto des „Docteur Miracle“ ist eine der typischen Verwechslungsgeschichten, wie sie aus volkstümlichen Theaterstücken oder Operetten bekannt sind. Bizets Musik ist nicht revolutionär, sondern eher konservativ und vorsichtig an Erprobtem sich orientierend. Aber sie ist jugendlich kreativ und frisch. Und sie ist von Humor geprägt, von differenzierter Haltung gegenüber Konventionen und Gebräuchlichem. Auf jeden Fall war Bizets Wille, sich vom überlebten, großrahmig umplüschten Operndrama in großer Form abzuwenden, stark genug, dieses kesse Jugendwerk auf die Bühne zu bringen … obwohl er sich eigentlich andere Wege erträumte.

Die Digitalisierung der 35 Jahre alten Aufnahme ist leider miserabel. Gleich zu Beginn wird weich in die Ouvertüre hineingeblendet, was ihrer Aufgabe, das Publikum „zur Ordnung zu rufen“ überhaupt nicht entspricht; auch nicht der, einen musikalischen Impuls zu setzen, um das Publikum einzustimmen. Aber es gibt in der Aufnahme weitere dynamische Schwankungen, die man leicht hätte ausgleichen können. Hie und dort hat man den Eindruck, Teile der Aufnahme seien in einem anderen Raum gemacht worden, so schlecht sind sie zu hören – an anderen Stellen, versinkt die Aufnahme in der umgebenden Geräuschkulisse. Schnitte sind entweder knallhart oder es wird, wie schon geschildert, in Nummern butterweich hineingeblendet. Beides stört und kann nicht so gewollt sein.

Aber bei aller Kritik: Diese CD ist mangels Vergleichsmöglichkeiten eine wichtige und sehr willkommene Dokumentation! Das Label unterstreicht die Bedeutung der Produktion durch deren Ausstattung in einer Reihe namens „Opera d’Oro“. Das Titelbild von Rafal Oblinski gehört dazu, das üppige Booklet in französischer und englischer Sprache und schließlich die Verpackung der Einzel-CD in einem Multi-CD Jewel-Case im Papp-Schuber. Man war sich des Exquisiten dieser Aufnahme bewusst … aber das hat man etwas zu dick unterstrichen.

Es gibt übrigens eine noch frühere kleine Oper von Bizet, von der auch Christoph Schwandt berichtet: „La Maison du docteur“ von 1855. Sie ist zunächst nur in kollegialem Kreis aufgeführt worden und dann für rund 150 Jahre in Vergessenheit versunken. Überliefert war ein Klavierauszug in der Bibliothèque Nationale in Paris, den ein William Girard gefunden, instrumentiert und als Partitur herausgegeben hat. In Austin/Texas ist dann eine Aufführung in englischer Sprache ermöglicht worden. Das war 1989 [Schwandt S. 31—32]. Wäre es nicht interessant, eine Aufführung dieser ersten Bizet-Oper zu hören? Vielleicht sogar eine im französischen Original? Sogar in der amerikanischen Version des Internet-Lexikons Wikipedia, das nur als Marginalie, weiß man übrigens nichts von der Aufführung in Austin Texas, denn dort heißt es: „La maison du docteur has never been performed and while the music does survive in piano score only, the work has never been published.“ (Artikel „La maison du docteur“ in http://en.wikipedia.org).

 

[BUCH] Das Buch von Christoph Schwandt über Georges Bizet ist nicht wirklich eine Trouvaille. Es ist erstens 1991 schon einmal bei Rowohlt erschienen und jetzt in einer erweiterten und überarbeiteten Fassung bei Schott neu herausgekommen. Außerdem ist es, wie im Klappentext verraten wird, „längst das deutsche Standardwerk zum Komponisten“. Umso besser, dass dieses Standardwerk jetzt neu, überarbeitet und korrigiert, dazu zu einem erschwinglichen Preis wieder vorliegt!

Dieses Buch ist eine Biografie, musikalische Analysen etc. enthält es also nicht … zumindest nicht vornehmlich, denn ganz kommt der Autor einer Musikerbiografie nicht an analytischen Betrachtungen zur Musik vorbei. Die erste Symphonie von Bizet zum Beispiel wird recht umfangreich beschrieben [S. 28 ff.] und die Beschreibung ist auch mit Notenbeispielen illustriert. Sogar ein persönliches Qualitätsurteil erlaubt sich der Biograf, wenn er über Bizets Erste Symphonie meint, sie klinge „nicht gewichtig und bedeutungsvoll, aber sie ist eine Komposition mit Gewicht und Bedeutung in vielerlei Hinsicht; ihre Leichtigkeit ist nicht belanglos.

Bizet war siebzehn, als er seine Symphonie schrieb. Das war 1855 und Paris bereitete sich auf die „Exposition universelle“ vor, die Weltausstellung. Aber es sollte, so Schwandt, achtzig Jahre dauern, bis das Werk uraufgeführt wurde, und zwar in Basel und nicht in Paris [S. 29]. In Deutschland sollte es noch weitere acht Jahre dauern, bis Bizets Symphonie erstmalig und alle anderen Werke dieses Komponisten wieder aufgeführt wurden. Dr. habil. Herbert Gerigk, „Leiter der Hauptstelle Musik beim Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP“, hatte den Komponisten als Juden diffamiert und ihn, so Schwandt, in sein „Lexikon der Juden in der Musik“ aufgenommen, später aber wieder gestrichen [S. 29—30]. So jedenfalls berichtet Joseph Wulf in seiner frühen Aufarbeitung des historischen Kapitels „Musik im Dritten Reich“ (Ffm 1966), nach der Schwandt zitiert. In der ersten Auflage von Gerigks schändlichem Lexikon war Bizet de facto nicht vertreten und im Vorwort der zweiten von 1940 ruderte sein Autor trotzdem zurück: „Irrtümlich als Juden verdächtigt (teilweise von Juden als Rassegenossen beansprucht) wurden (und werden) vor allem Georges Bizet (der mit einer Jüdin verheiratet war) […] (Wulf). Wo und wie auch immer die diffamierenden Behauptungen verbreitet wurden, sie haben bewirkt, dass Werke von Georges Bizet zunächst in Deutschland nicht aufgeführt werden durften. Schon 1934 war nämlich ein Boykott gegen Werke jüdischer Komponisten ausgesprochen worden, der aber nicht zu dem Ziel führte, das sich die Nazis vorgenommen hatten: „Der Boykott fruchtete nichts; in der Saison 1935/36 boten die Bühnen im Reich knapp 300 Aufführungen der Erfolgsoper [Carmen]“ (Fred K. Prieberg, Handbuch Deutsche Musiker 1933—1945, Auprès de Zombry 2004, S. 470).

Zum Thema „Georges Bizet“ gibt es nicht viel Literatur und wissenschaftlich fundierte Ausgaben aller seiner Werke liegen bisher auch nicht vor. Christoph Schwandt musste sich also beim Verfassen seiner Biografie weitgehend auf das Ausgabenmaterial, das bisher vorliegt, und auf Materialien aus erster Hand stützen, zum Beispiel auf Briefe von und an Bizet, die in verlässlichen modernen Ausgaben vorliegen. Aber eine Künstlerbiografie bietet mehr als einen „Lebenslauf mit Zusatzinformationen“. Georges Bizet zum Beispiel hat sich sein Leben lang zur Musik hingezogen gefühlt, daher ist er Komponist geworden. Speziell war es das Musiktheater, das ihn faszinierte und das befand sich zu seiner Zeit in Frankreich und speziell in Paris in einem grundsätzlichen Wandel. Die traditionelle „Grand Opéra“ hatte in Paris ihr eigenes Haus, auch die „Opéra Comique“. Dazu kamen dann, neben anderen Theaterprojekten, die „Bouffes-Parisiens“ mit einem Theater an den Champs-Elysées. Jacques Offenbach war der Gründer und Betreiber dieses Theaters, das zunächst immer mehr Besucher fand. Die gesellschaftlichen Umwälzungen nach 1789 hatten diese Wandlung ermöglicht: Immer mehr Menschen gingen in Theater und immer mehr Menschen mit immer unterschiedlicheren Geschmäckern. Vor allem eine Abkehr vom konventionellen Theater ist zu beobachten und die Hinwendung zu volkstümlichen, allen verständlichen Formaten. Die Grenzen verwischten und wurden schließlich aufgehoben … diese Geschichte erzählt Christoph Schwandt sehr nachvollziehbar. Neben der nicht spannenden aber doch interessanten Lebensgeschichte eines Komponisten in der Mitte des 19. Jahrhunderts liefert sein Buch die Geschichte der Kunstgattung, an der sich Bizet messen lassen muss und mit der er offenbar zeit seines Lebens kämpfte. Als junger Mann in Rom hatte er gemeint „ich bin entschiedenermaßen für die Buffo-Musik geschaffen und ich gebe mich ihr vollständig hin“ (S. 46), für die Zeit kurz vorher, als er (fast) einen Wettbewerb mit „Le Docteur Miracle“ gewonnen hatte, meint Schwandt: „Bizet war sich allerdings sicher, dass die Opéra bouffe im Stil Offenbachs nicht das Genre seiner persönlichen Zukunft war.“

„Carmen“ schließlich war eine „Opéra comique“ und ging, was die Handlung angeht, auf eine außerordentlich populäre Novelle von Prosper Merimée (1803—1870) zurück. Henri Meilhac (1831—1897) und Ludovic Halévy (1834—1908) schrieben die erfolgreiche Carmen-Geschichte in ein Libretto um: „Bizet war sehr zuversichtlich, er hatte eine faszinierende Geschichte mit interessanten Charakteren, reizvolle Schauplätze und endlich zwei hochkompetente Textdichter, auf deren Theaterinstinkt, Niveau und Kooperationsfähigkeit er vertrauen konnte.“ (S. 132) Ihr Textbuch war schließlich „nachgerade perfekt konstruiert und doch von poetischer Klarheit und überzeugender dramatischer Stringenz.“ (S. 138)

Und doch entgingen die Autoren und der Komponist von „Carmen“ nur knapp einem Skandal. Gesellschaftliche Vorbehalte waren es, die ihrem Triumph im Wege standen … Carmen erzählte eine Geschichte, die sich im „normalen“ Leben abspielte … und das war kein Sujet für die Oper. Das heißt also, und darauf weist Schwandt nur indirekt hin, dass das „Publikum“ der Novelle ein grundsätzlich anderes war, als das der Oper. Aber, so Schwandt, „manche Teile der Partitur, besonders die formal konventioneller gearbeiteten bekamen durchaus ansehnlichen Beifall.“ (S. 146)

Christoph Schwandt beweist sich als Autor, der viele Jahre als Dramaturg an verschiedenen Opernbühnen tätig war. Er beschreibt kurz und knapp die Handlung der Opern, geht dabei auf die musikalischen Umstände ein, auf die personellen Umstände auch, und er thematisiert sogar die Plagiatsvorwürfe, die dem Komponisten gemacht worden sind. Carmens Arie „L’amour est un oiseau rebelle“, eine Habanera, geht nämlich auf eine Komposition des baskischen Komponisten Sebastián de Yradier (1809—1865) zurück, die Bizet aber, das wird nirgends in Zweifel gezogen, für eine Volksmelodie gehalten hat. „Er korrigierte diesen Irrtum später ausdrücklich durch eine entsprechende Anmerkung im Klavierauszug.“ (S. 143)

Georges Bizet starb „an seinem sechsten Hochzeitstag, am 3. Juni 1875 […] im Alter von sechsunddreißig Jahren. An diesem Tag stand seine neue Oper schon zum dreiunddreißigsten Mal auf dem Spielplan der Opéra Comique; das Interesse an Carmen nahm zu. Viele kamen aber auch aus Neugier auf Skandalöses ins Theater.“ (S. 153)

Mit dem 3. Juni 1875 endet Christoph Schwandts Biografie nicht. Sie liefert im folgenden höchst aufschlussreiche Informationen über Die Rezeptionsgeschichte der Oper und über die weitere Geschichte der Partitur. Natürlich war die Oper, als sie in Paris uraufgeführt wurde, „fertig“ – und doch nahmen mehrere Generationen von Komponisten, Kapellmeistern und sogar Librettisten Änderungen an der Erfolgsoper vor. Hier mussten die gesprochenen Texte in Rezitative verwandelt werden; dort wurde der Text in alle möglichen Sprachen übersetzt … die „Londoner Erstaufführung fand sogar 1878 in italienischer [!] Sprache statt.“ (S. 153); anderswo gehörte ein Ballett zu einer anständigen Oper und das wurde dann auch aus diversen Kompositionen Bizets zusammengeschustert. Schwandt vergleicht die verschiedenen in Benutz befindlichen Partituren und auch die wichtigsten Einspielungen. Und wieder outet er sich damit als Autor, der aus der Opernpraxis kommt. Immer, den ganzen Buchtext hindurch, hinterfragt er Entscheidungen Bizets unter praktischen Aspekten. Er schildert die Zwänge, denen Opernschaffende im 19. Jahrhunderts unterlagen und er zeigt auch, dass und wie „Carmen“ schließlich doch zu einer Grand Opéra mutierte: „1907 wurde Carmen dann auch erstmals im Palais Garnier [der französischen Nationaloper in Paris] aufgeführt – die Opéra konnte die inzwischen unumstritten bedeutendste französische Oper nicht mehr ignorieren. (S. 154)

Christoph Schwandts Biografie wird das deutschsprachige Standardwerk zum Thema „Bizet“ bleiben – und zwar nicht mangels Konkurrenz, sondern ob ihrer Qualitäten: Sie liefert die notwendigen Informationen zu Bizet und seinem persönlichen Umfeld und: Sie beschreibt die politischen, kulturpolitischen und kulturellen Umstände in einer sich wandelnden Welt … sofern sie mit der Oper an sich und mit Georges Bizet zu tun hatten.

[DVD] Eher per Zufall fiel mir diese DVD mit der zweiten Symphonie von Johannes Brahms und der ersten von Georges Bizet in die Hand, beide gespielt vom Orchester des Staatlichen Rundfunks in Moskau. Pavel Sorokin dirigiert das Werk von Bizet.

Im November 1855 hat Georges Bizet seine C–Dur–Symphonie geschrieben – er war siebzehn Jahre alt. Er komponierte das Werk hinter dem Rücken seines Lehrers Jacques Fromental Halévy (1799—1862). Halévy selbst hatte keine Erfahrung mit orchestralen Werken und vermutlich wollte Bizet seinen verehrten Lehrer nicht in Verlegenheit bringen.

Im Zusammenhang mit dieser Symphonie schrieb Christoph Schwandt: „Georges Bizets Symphonie klingt nicht gewichtig und bedeutungsvoll, aber sie ist eine Komposition mit Gewicht und Bedeutung in vielerlei Hinsicht; ihre Leichtigkeit ist nicht belanglos.“ (S. 29) Das ist ziemlich theatralisch, aber wie eine Pennäler-Arbeit klingt die Symphonie tatsächlich nicht! Sie hat nichts revolutionäres, nichts in die Zukunft weisendes … es sei denn, in die Zukunft ihres Komponisten selbst!

Formal war der junge Bizet vorsichtig, hat sich an vorgegebenen Mustern orientiert. Aber er lieferte eine Menge musikalischer Gedanken, die jung und originell wirken … dass seine Symphonie, so Schwandt (S. 30), in einer Schublade mit der „Klassischen Symphonie“ von Prokofjew (1891—1953) angeboten wird, passt gleichwohl überhaupt nicht. Der eine, Prokofjew, hat eine Art Pasticcio geschrieben, der andere, Bizet, hat ein musikalisches Modell benutzt, das zu seiner Zeit zwar in Frage gestellt und ausgeweitet wurde, das aber immerhin noch allgegenwärtig war. Aber eines haben die beiden Symphonien, Bizets und Prokofjews, gemeinsam: Sie sind Beispiele für mustergültige wenn auch nicht sehr mutige Auseinandersetzungen mit dem Thema „klassische Symphonie“. Nur hat Prokofjew ein Lehrwerk geschrieben und Bizet ein Gesellenstück. Dass beide, so Schwandt (S. 30) zur „Unterhaltungssymphonik“ zählen, ist, mindestens was das Werk des jugendlichen Bizet angeht, ungerecht.

Das beteiligte Orchester unter Pavel Sorokin bemüht sich redlich, aber mehr als ein eher historisch motiviertes Interesse können die Interpreten in mir tatsächlich nicht evozieren. Immer wieder staune ich über Bizets handwerkliches Geschick und seine musikalischen Ideen, werde dann aber auch von Plattitüden in meiner Begeisterung gebremst. Die Verarbeitung der beiden geschickt gegeneinander ausgespielten Themen des ersten Satzes zum Beispiel enthält Banalitäten, die ich zwar einem Siebzehnjährigen zugestehe, die mich aber davon abhalten, seiner Symphonie eine „nicht belanglose Leichtigkeit“ zuzusprechen. Es gibt etliche solcher „jugendlicher Ideen“, die auch mit „jugendliche Sünden“ durchgehen könnten. Wäre Georges Bizet vielleicht doch gut beraten gewesen, seine Symphonie mit seinem Lehrer Halévy durchzusprechen?

Es ist eine DVD, von der ich rede, und sie bringt zusätzlich Bildmaterial mit. Gespielt wird im Großen Saal des Konservatoriums in Moskau, in dem unter anderem Van Cliburn 1958 den Tschaikowski-Wettbewerb gewonnen hat. Diese Bilder werden viele vor sich haben (nicht live aber immerhin in Filmaufnahmen): Mitten im Kalten Krieg gewinnt ein Amerikaner diesen bedeutenden Wettbewerb und wird später in New York mit einer Konfetti-Parade empfangen. Nicht, weil er so gut Klavier gespielt, sondern weil er die USA in Moskau erfolgreich vertreten hat. Das wurde als historischer Moment gefeiert. Das war ein Politikum!

Und ich erinnere mich an meinen Besuch in dem Moskauer Konzertsaal zusammen mit meinem Freund Alexander Frauchi im Juli 1990 anlässlich eines Festivals im sowjetischen Pushchino. Kurz vorher war in Berlin die Mauer gefallen. Auch historische Momente!

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