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St. Ursula and the
Eleven Thousand Virgins of Cologne

Scott B. Montgomery: St. UrsulaScott B. Montgomery, St. Ursula and the Eleven Thousand Virgins of Cologne: Relics, Reliquaries and the Visual Culture of Group Sanctity in Late Medieval Europe. Frankfurt am Main u.a., 2010, Peter Lang Vlg., ISBN 978-3-03911-852-6, € 41,60

Im vierten Jahrhundert soll es sich zugetragen haben, dass in Britannien die Tochter des Königs ihr Leben Christus geweiht hatte, dass aber der heidnische König von Anglia sie seinem Sohn Ætherus zur Frau geben wollte. Sie ging zum Schein auf das Werben ein, stellte aber die Bedingung, dass sich ihr Bräutigam taufen ließ und dass ihr drei Jahre Zeit bis zur Hochzeit blieben. Sie begab sich mit elf Freundinnen auf eine Schiffsreise, die sie nach Rom bringen sollte. Den Rhein entlang, vorbei an Köln, fuhren sie bis nach Basel, um dann den Weg zu Fuß weiter zu gehen. Auf dem Rückweg kamen sie wieder an Köln vorbei, wo die Hunnen unter ihrem Anführer Attila das Regime führten. Die Hunnen ermordeten alle meuchlings bis auf die Königstochter. Als die sich aber Attila verwehrte, ermordete er auch sie. So lautet die älteste Version der Ursula-Legende, die später auf vielfältige Weise ausgeschmückt werden sollte.

Der Edelmann Clematius baute im vierten oder fünften Jahrhundert auf eigenem Grund in Köln eine Kirche und hinterließ eine Steinplatte mit lateinischer Inschrift. Dort heißt es, er, Clematius, habe an der Stelle des Meuchelmords an den Jungfrauen, die ihr Blut für Christus geopfert hätten, die Basilika errichtet. Vier- bis fünfhundert Jahre später finden wir Zeugnisse des Jungfrauenkults im Rheinland, gleichzeitig wird auch der Name Ursula erstmalig erwähnt.

Die Anzahl der angenommenen Begleiterinnen wurde nicht viel später von elf auf elftausend erhöht … und damit begann eine wundersame Ausweitung des Ursulakults. Aus der lateinischen Inschrift „XIM“, für „undecim martyrum“ („elf Märtyrer“) war „undecim millium“ („elftausend“) gelesen worden, indem das „M“ als das lateinische Zeichen für „tausend“ interpretiert wurde. Als dann im Jahr 1106 bei Arbeiten an der Kölner Stadtmauer ein riesiges Gräberfeld gefunden wurde und die Zahl der Gebeine mit den elftausend Jungfrauen nach Augenmaß übereinstimmte, wurde die Ursula-Verehrung immer weiterreichend. Dass die Römer an der nach Norden führenden Ausfallstraße ihrer Stadt COLONIA CLAUDIA ARA AGRIPPINENSIUM, ihre Toten begraben hatten, und dass diese Straße, der heutige Eigelstein, in unmittelbarer Nachbarschaft der Basilika des Clematius lag, wurde dabei nicht näher untersucht. Zur gleichen Zeit wurde begonnen, an gleicher Stelle eine neue Basilika zu errichten, die heutige Ursula-Kirche, die im Verlauf ihrer Geschichte mehrere bauliche Umgestaltungen erlebte, die aber als eine der romanischen Kirchen Kölns zu den Wahrzeichen der Stadt gehört.

Scott B. Montgomery, der Autor der vorliegenden Studie, ist Kunsthistoriker und hat 1996 mit einer Arbeit über „The Use and Perception of Reliquary Busts“ an der Rutgers University in New Brunswick/New Jersey promoviert. In seinem aktuellen Buch dreht es sich weniger um den Ursulakult an sich sondern vielmehr um die Frage, wie ab dem zwölften Jahrhundert mit den „Reliquien“ umgegangen wurde, mit den Beweisstücken für die Ermordung der elftausend Jungfrauen also.

Natürlich zitiert der Autor den „Dialogus Miraculorum“ des Caesarius von Heisterbach von ca. 1220, in dem die Authentizität der Funde beteuert wird. Nicht zuletzt war es das Wort dieses Zisterziensers, das für den schwungvollen Handel mit Reliquien aus dem „ager Ursulanus“, dem „Acker Ursulas“ in Köln die Basis schuf … die Überbleibsel der elftausend Jungfrauen im Gefolge der Heiligen Ursula waren es zwar nicht, die die Pilger da als Mitbringsel nach Hause nahmen, aber es waren die Knochen von römischen Bürgern Kölns, der größten und reichsten Stadt des europäischen Mittelalters. Große Mengen menschlicher Knochen, auch solche von Männern und Kindern, wurden als „Reliquien der heiligen Jungfrauen von Köln“ in andere deutsche Städte und ins europäische Ausland verkauft. Erst 1392 fand der schwungvolle Handel durch ein Verbot von Papst Bonifatius IX. (1350/1389—1404) ein Ende.

So weit die Geschichte der Ursulalegende! Scott B. Montgomerys Arbeit behandelt, so lautet ihr Untertitel, „Relics, Reliquaries and the Visual Culture of Group Sanctity in Late Medieval Europe“, die „Folgen“ der Legende also; das, was Kaufleute und Gläubige aus der Legende gemacht haben. Reliquien waren „the most widespread vibrant, and accessible form of piety in the Middle Ages“ (S. 59). Und hier, im Fall der elftausend Heiligen Jungfrauen, konnte dieses Frömmigkeitsbedürfnis gestillt werden. Reliquien en gros. Die Knochen fungierten dabei als pars pro toto für die Heilige Person, die man mit ihrem Erwerb bei sich hatte. Als dann das Vierte Laterankonzil 1215 das Zurschaustellen von Reliquien ohne Reliquienschrein verbot, veränderte sich der Handel. „The vast majority of the reliquary busts of the Holy Virgins were produced in Cologne“ (S. 62) und sie wurden aus kostbaren Edelmetallen angefertigt aber auch aus Holz. Die hölzernen Reliquienbüsten gingen dann, weil sie nirgends sonst in so großer Zahl hergestellt wurden, als rein Kölnisches Produkt in die Geschichte ein.

Trotzdem stellt Montgomery Vergleiche mit anderen Büsten an, die sich von den weitgehend uniform ausgestalteten Kölner Erzeugnissen unterscheiden. Aber er weist auch 25 Kölner Büsten in 15 Florentiner Kirchen nach, bei denen die eigentlichen Reliquien (Schädel) vor 1288 von Händlern nach Florenz gebracht worden, wo die Reliquiare aber dort angefertigt worden waren.

Für welche Zielgruppe ist das Buch über die Heilige Ursula bzw. über den Ursulakult geschrieben? In seiner Dissertation hat sich Montgomery schon mit einem sehr verwandten Thema befasst. Jetzt gibt er einen Überblick, speziell bezogen auf den Kölner Ursulakult, der, seitdem die Heilige keine Heilige mehr ist, nur noch von regionaler Bedeutung ist. Der 21. Oktober, früher ein Feiertag, ist heute ein „nicht gebotener“ Gedenktag und nur im regionalen Kirchenkalender verzeichnet.  „Why? For the crime of apparently not having existed“. Nur in Köln ist der 21. Oktober „ein gebotener Gedenktag“, einer, der im liturgischen Kalender der katholischen Kirche aufgeführt wird und der berücksichtigt werden muss. Überhaupt spielt die „Elf“ in Köln eine besondere Rolle. So sind im Wappen der Stadt elf schwarze Hermelinschwänze, Tropfen, Tränen oder Flammen, die, wie auch immer benannt und interpretiert, auf die elf(tausend) Jungfrauen Bezug nehmen. Der Kölner Karneval beginnt jährlich am Elften im Elften und Karnevalssitzungen werden von einem Elferrat geleitet, in dem elf Männer (sic) sitzen. In Köln gibt es weiter eine Ursulagasse, einen Ursulaplatz und natürlich die Ursula-Kirche, die von Scott B. Montgomery den ganzen Text hindurch „Church of the Eleven Thousand Virgins“ genannt wird. So hat sie auch in Köln einmal geheißen (bzw. genauer „ecclesia sanctuarum undecim milium virginum), „since the sixteenth-century, it has been known as the Church of St. Ursula“ (S. 47). Trotzdem bleibt der Autor bei dem älteren Namen.

Es ist eine spannende Geschichte, die sich in Köln zugetragen hat, eine Geschichte, die auf etwas zurückgeht, das vor bald zweitausend Jahren geschehen sein soll. Tausend Jahre später, als man aus elf Jungfrauen elftausend gemacht hatte, begann die Verbreitung der Geschichte und da setzt auch Scott B. Montgomerys Erzählung an. Kölner gehören – allein schon der Sprache wegen – nicht zu der anvisierten Zielgruppe des Buches, aber die Geschichte ist gut genug für ein viel größeres Publikum!

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1 comment to St. Ursula and the
Eleven Thousand Virgins of Cologne

  • Hermann Müller

    Sehr geehrter Herr Dr. Päffgen,
    bitte erlauben Sie mir, kurz auf Ihre Besprechung des Buches von Herrn Montgomery einzugehen. Offenbar sind in dem Buch Fehler oder Falscheinschätzungen versteckt, die auch Ihnen entgangen sind.
    Zum Beispiel wiederholt Montgomery einen Fehler, der die Zahl 11.000 betrifft bzw. die fehlerhafte Lesart dieser Zahl. Ich empfehle Ihnen in diesem Zusammenhang die Lektüre des kleinen Buches von Dr. Otto Dahmen (Das Kölner Sankt-Ursula-Problem auf Grund der Ausgrabungen in den Kriegsjahren 1942 und 1943, Aachen 1953). Doktor Dahmen geht auf Seite 26 auf die „Zahl Elftausend“ ein und schreibt: „Hier muß eine fehlerhafte Vorstellung, die man immer wieder hört, richtiggestellt werden. Man hat geglaubt, der Begriff elftausend sei dadurch entstanden, daß man den Buchstaben M falsch verstanden habe, also statt M=Martyres, wie es nach Virgines nur heißen kann, M=milia oder mille gelesen habe. Das ist Unsinn. Jeder, der damals Latein konnte, wußte, dass V.M. nur heißen konnte: „Virgines Martyres“, und niemand hätte das dem Substantiv folgende M als Zahlwort gelesen, da man im Lateinischen die Zahlwörter immer vorstellt. Notabene machte man über M einen Strich, wenn es tausend bedeuten sollte, oder schrieb milia aus, also man schrieb die 11000 nie mit XI M.“
    Die Erklärung von Herrn Montgomery findet man gelegentlich in der Literatur, allerdings ist sie selten unwidersprochen geblieben.
    Mit freundlichen Grüßen
    Hermann Müller

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