Dieser Artikel ist erschienen in Gitarre & Laute-ONLINE XXXI/2009/Nº 2, S. 38-42
Foto © by Saskia Gerhardt, ikonsign.de
Ein Konzerterlebnis der besonderen Art präsentierte das Duo Joncol am 26. Juni 2009: „Köln meets Barcelona“. Köln unterhält mit insgesamt 23 Städten Partnerschaften, darunter Bethlehem, Indianapolis, Kattowitz, Kyoto, Peking und, seit 1984, Barcelona. In der Domstadt (gemeint ist die am Rhein!) gibt es einen „Verein Städtepartnerschaft Köln—Barcelona“ – ob ein ähnlicher Club in Barcelona besteht, kann ich nicht sagen, vermute aber, dass „nein“ … wir Deutschen gründen bekanntlich gern Vereine oder treten selbigen bei. Der „Verein Städtepartnerschaft Köln—Barcelona“ jedenfalls war einer der Initiatoren und Förderer des Konzerts – die anderen waren die üblichen Verdächtigen: Stadt, Sparkasse usw. … Angewiesen auf Sponsoren wären die Veranstalter nicht gewesen, das Konzert im Arkadastheater in Köln-Ehrenfeld war sehr gut besucht!
Der hier eingespielte Film zeigt das Duo Joncol mit “Epílogo” aus den “Escenas Románticas” von Enrique Granados, aufgenommen während des Konzerts am 26. Juni 2009 in Köln.
Wer an diesem Abend einen Austausch musikalischer Kulturgüter erwartet hat, ein Aufeinandertreffen spanischer, nein, katalanischer und deutscher, nein, rheinischer Musiken, der wurde enttäuscht. Die Musik dieses Abends war katalanisch und spanisch mit einem winzigen brasilianischen Einsprengsel von Paulo Bellinati (geboren 1950 in São Paulo). Und es war Musik, die Besucher, die gelegentlich Gitarrenmusik hören, durchaus vertraut war und ist. Granados, de Falla … und Feliu Gasull.
Gasull? Seine Stücke waren selbst Besuchern, die nicht gelegentlich sondern oft Gitarrenmusik in Konzerten hören, nicht vertraut. Ein junger katalanischer Gitarrist und Komponist, den nicht einmal Wikipedia kennt, und dessen katalanische Stimmungsbilder vom Duo Joncol mit viel Übereinstimmung gespielt worden sind. Feliu Gasull schreibt expressive Stücke mit oft programmatischen Titeln wie „Blau Mar“ oder „El Peixet de Bloomington“ – das sind zwei Stücke, die im Juni zu hören waren. Die Programme werden aber eher indirekt impressionistisch ausgefüllt. Mit Stimmungsbildern, die pastellfarben und zart von Sehnsüchten berichten, von Erinnerungen und Wünschen. Die meisten Klischees, die man von spanischer Musik haben mag, werden in den Stücken von Feliu Gasull nicht bestätigt … obwohl er gelegentlich durchaus mit nicht-katalanischen stilistischen Versatzstücken liebäugelt. Mit dem Flamenco zum Beispiel, der in Andalusien zuhause ist.
Aber spanische Musik ist es ja eigentlich nicht. Es ist katalanische Musik. Ein „Spanien“ fing überhaupt erst an zu existieren, als 1469 Isabella von Kastilien und Ferdinand III. von Aragon heirateten. Sie waren die „Reyes Catolicos“, die „Katholischen Könige“. Cataluña aber hatte auch damals schon Eigenständigkeit, die schließlich erst durch den Diktator und Generalissimo Francisco Franco (1892—1975) in Frage gestellt wurde. Seit dessen Tod bemühen sich die Katalanen wieder um Autonomie – nicht militant, wie es die Basken tun, aber unübersehbar.
Das Duo Joncol besteht aus der Kölnerin Britta Schmitt und dem Katalanen Carles Guisado. Beide haben sich getroffen und als musikalische Partner in Barcelona gefunden, wo sie bei Zoran Dukic studiert haben – dann kamen beide nach Köln, wo Hubert Käppel, Roberto Aussel und Ansgar Krause ihre Lehrer wurden und sind. Am 26. Juni 2009 traten sie in Köln zusammen mit der Tänzerin Vanessa González García auf und der Sängerin Silvia Pérez Crúz sowie mit Kurt Fuhrmann als Perkussionisten. Das Programm enthielt, wie gesagt, bekannte Namen und bekannte Stücke, viel de Falla (1876—1946), der übrigens kein Katalane war, sondern in Cádiz geboren wurde, also in Andalusien.
Von Enrique (Enric) Granados (1867—1916) stammten die einleitenden Sätze aus „Escenas Romanticas“. Granados war Pianist und hat nie eine Note für Gitarre oder mehrere Gitarren komponiert, und doch gehören heute seine Kompositionen zum Standardrepertoire für diese Besetzungen. Manuel de Falla (1876—1946) hat eine Miniatur für Gitarre komponiert, „Homenaje – Pour le Tombeau de Debussy“ – sonst nichts! Alle anderen Stücke mit seinem Namen darüber sind, wenn man sie auf der Gitarre hört, Transkriptionen.
Aber die Stücke von beiden, Granados und de Falla, sind spanische Musik, unüberhörbar! Dabei waren die Komponisten seit Felipe Pedrell (1841—1922), dem Innovator einer spanischen Nationalmusik, gerade erst dabei, einen „spanischen Stil“ zu etablieren. So, wie man Polen mit den Mazurkas oder Polonaisen von Frédéric Chopin verband, Tschechien mit Smetanas sinfonischen Dichtungen oder Ungarn mit den Rhapsodien von Franz Liszt, so sollte es auch eine Musik geben, die unverkennbar spanisch war.
De Falla ist in Paris in die kompositorische Lehre gegangen, war bekannt mit Claude Debussy (1862—1918), befreundet mit Paul Dukas (1886—1935). Opern wollte er immer schreiben und mit seinem Jugendwerk „La Vida Breve“ hatte er auch einen beachtlichen Erfolg, international berühmt wurde er aber erst mit seinen Ballettmusiken: „El amor brujo“ und „El sombrero de tres picos“.
Eine Auswahl aus „El amor brujo“ (Der Liebeszauber) gab das Duo Joncol an diesem Abend und führte damit sein Publikum in eine sehr eigene Welt. Spanische Bilder zeichneten die beiden Gitarristen auf der Basis von insgesamt zwölf Nummern des Balletts, in sich geschlossene keine Geschichten erzählten sie zusammen mit Vanessa González García und Silvia Pérez Crúz. Die Tänzerin brachte den Hauch Andalusien und Flamenco auf die Bühne, die sehr überzeugende katalanische Sängerin Pérez Crúz ausdrucksstarke, mal wilde, mal sehr zarte und fragile Stücke zwischen Jazz und Flamenco. Vanessa González García verkörperte schon ob ihrer Bühnenkleidung den Flamenco, den Tanz der andalusischen Zigeuner. Er hat – wie auch der argentinische Tango – immer einen klagend traurigen und tragischen Grundtenor. Und so lebt er von Ausbrüchen der Vitalität und des Sich-Aufbäumens, von ekstatischen Szenen des Schmerzes und seiner Überwindung.
Kurt Fuhrmann, der Perkussionist, liebt exotische und fremde Klänge, erzeugt mit Hilfe aller möglicher Hohlkörper unbekannte, außerordentlich warme und heimelige Klänge, die von fremden Ländern und Kulturen berichten und sich auf deren inneren Rhythmus und deren Lebenstempo beziehen.
Britta Schmitt und Carles Guisado Moreno, das Duo Joncol, sie waren die einzigen Musiker an diesem Abend, die Noten brauchten. Sie lieferten sozusagen die klassische Basis des Konzerts. Alles andere, auch der Gesang, für den natürlich mindestens der Text vorgeschrieben war, wirkte in hohem Maße improvisiert und ursprünglich ohne wahllos oder willkürlich zu erscheinen. Und auch das Gitarrenduo versteckte sich nicht hinter einem klassischen Paravent, wie es Kollegen gern tun, sondern agierte als aktiver und maßgebender Teil dieses musikalischen Schauspiels und lieferte auf diese Weise Unterhaltung auf höchstem Niveau! Was will man mehr?

