“Mein Freund Sting”, hätte ich gern gesagt, als ich im letzten Februar aus Belgrad vom Festival zurückkam. Ich hatte dort am 8. Februar mit allen Musikern, die auftraten oder in Juries saßen, im Café der Festival-Promis gesessen und wir waren uns einig: Mit Sting würden wir jetzt, nach seinem Konzert, gerne reden. Wir würden ihn gern fragen, warum er sich jetzt mit Dowland befasst und ob es wirklich stimmt, dass er dieses unglaublich hohe Honorar für sein Konzert bekommen hat.
Aber es war eine kafkaeske Situation, eine kafkaeske Stimmung: Jeder schien zu wissen, dass Sting im gleichen Hotel wohnte wie wir alle, aber niemand wusste, in welchem Zimmer und keiner hatte nur die geringste Ahnung, warum das so war. Gut, das Hotel hat ein paar hundert Zimmer und man kann sich verlaufen, aber die Lobby ist immer die Schnittstelle. Hier trifft man sich. Nur ihn sah man nicht — weder auf dem Weg in den Konzertsaal, noch beim Frühstück oder beim Abendessen. Er ging auch nicht nach dem Konzert etwas trinken, wie das alle Musiker tun — um abzuschalten und einfach mit Kollegen zu quatschen. Aber er war da — auf der Bühne des Sava-Centers haben wir ihn gesehen.
Und dann war Sting abgereist. Man munkelte, er sei mit seinem eigenen Lear-Jet gekommen und auch wieder abgeflogen — aber auch dafür musste er durchs Hotel und auschecken. Mit seiner Entourage … aber Sting war einfach weg … haben wir vermutet!
Wir alle kannten und schätzten seinen Begleiter: Edin Karamazov. Gut sogar! Aber auch Edin blockte ab. Na gut: Wir haben verstanden, dass ein Rockmusiker wie Sting vor seinen Fans in Schutz genommen werden muss. Und wir alle haben auch verstanden, dass wir als Klassiker dabei nichts zu suchen hatten. Das war eine andere Klasse. Und doch akzeptierten wir ihn alle als Kollegen und Musiker. Und das hätte doch vielleicht ein kurzes Gespräch möglich machen sollen, oder?
Hat es nicht … aber jetzt ist eine neue CD herausgekommen von Sting: Nicht mehr Dowland, sondern “If on an Winter’s Night …” mit gesammelten Werken. Keine Flaschenpost, aber ein bisschen Schubert, Bach und englische Volkslieder, ein bisschen Weihnachten und auch Jazz und Alte Musik. Sehr cool, meilenweit entfernt von Lust und Leidenschaft … und dann doch wieder berührend. So, dass man denkt, es ginge einen an.
Sting hat das Lager gewechselt. Mit Dowland hat er das schon, und jetzt …? Man hört Sting, seine ferne und doch sehr vertraute Stimme. Das eine oder andere der winterlichen Lieder, die er hier singt, ist so kühl (nicht cool), dass einen friert. Es ist kein Winter mit glücklichen Kindern, die sich Schneeballschlachten liefern und Schneemänner bauen … es ist einfach kalt. Meistens jedenfalls. Der Leierkastenmann von Wilhelm Müller in der Vertonung von Schubert (Winterreise) erscheint hier als “Hurdy-Gurdy Man” (als Mann mit einer Drehleier) und steht da frierend und hoffnungslos vor einem. Wie ein Hartz-IV-Empfänger in der Finanzkrise. Und andere Lieder, die, wo es sich sich um Weihnachten dreht, die sind rührend einfach und be-rühren.
Sting präsentiert hier sein Künstlertum und seine eigene Linie sehr überzeugend. Mich hat er jedenfalls sehr winterlich gestimmt und sehr gerührt … mein Freund Sting.
“If on A Winter’s Night”
Erschienen 2009
Deutsche Grammophon [DeutscheGrammophon.com]06025-270-1743 GH

