
Der Gitarrenboom, den seine Heimatstadt Wien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebt hat, ist an Carl Czerny vorbei gegangen, nichts deutet jedenfalls darauf hin, dass er sich mit dem Guitaromanie-Virus infiziert hat. Carl Czernys Instrument war das Klavier und seine „Schule der Geläufigkeit“ hat Generationen von Klavierschülern in ihrem Bemühungen um eine angemessene Technik begleitet. Vom 30. April bis zum 31. Juli 2009 gab es in der Zentralbibliothek in Zürich eine Ausstellung mit dem Titel „Mehr Respekt vor dem tüchtigen Mann“, die Czerny gewidmet war. Ihr Katalog erschien in Buchform:
Otto Biba, Ingrid Fuchs, „Mehr Respekt vor dem tüchtigen Mann“ – Carl Czerny (1791—1857): Komponist, Pianist und Pädagoge. Katalog der gleichnamigen Ausstellung des Archivs der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien in der Zentralbibliothek Zürich vom 30. April bis 31. Juli 2009, In Zusammenarbeit mit dem Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich und der Zentralbibliothek Zürich herausgegeben von Urs Fisch und Laurenz Lütteken, Kassel u.a. 2009, Bärenreiter, ISBN 978-3-7818-2162-6, EUR 39,95
Das Bild, das Viele heute von Czerny haben, ist geprägt durch seine scheinbaren Forderung nach stupidem Üben und Drill am Klavier. Die Kölner Pianistin und Wissenschaftlerin Grete Wehmeyer schrieb in diesem Zusammenhang 1983 ein Buch mit dem provozierenden Titel „Carl Czerny und die Einzelhaft am Klavier oder Die Kunst der Fingerfertigkeit und die industrielle Arbeitsideologie“. Ansichten über die Ökonomie des Übens und über das Üben überhaupt hatten sich zu ihrer Zeit grundsätzlich geändert, man muss allerdings bedenken, dass Czerny nicht den dilettierenden Klavierspieler mit seinen Lehrwerken und in seinem Unterricht heranbilden wollte, sondern den professionellen Virtuosen. In seiner „Schule des Virtuosen“ op. 365 schreibt er: „… nur die vollkommene Beherrschung der mechanischen Kunst macht es möglich, die Schönheit des Vortrags und Gefühls, welche dem einfachen Gesange zukommt, auch auf diejenigen Stellen anzuwenden, welche dem Mißkennenden oder Ungeübten nur eine Anhäufung von Unbequemlichkeiten zu seyn scheinen, welche aber unter den Fingern des wahren Künstlers ebenso den Schönheitssinn befriedigen können, wie jede einfachere Melodie, und überdies jeder Kunstleistung weit mehr Glanz und Leben verleihen.“
Die Ausstellung in Zürich wollte aber einen anderen Carl Czerny darstellen als den Virtuosenmacher, den Klavierlehrer von Franz Liszt und den Lieferanten von Lehrwerken und Etüden für viele Generationen von Klavierschülern. „Mehr Respekt vor dem tüchtigen Mann“!
Carl Czerny wurde 1791 in Wien geboren. Sein Vater war begeisterter Musiker und hat auch Klavierstunden gegeben. Seinen Lebensunterhalt hat er aber mit anderen Tätigkeiten bestritten. Von seinem Vater hat Carl die ersten Klavierstunden (auf einem Cembalo) erhalten, der Geiger Wenzel Krumpholz hat ihm erste Unterweisungen in Ästhetik und Vortrag gegeben. Krumpholz hat ihn auch, als er zehn Jahre alt war, Ludwig van Beethoven vorgestellt, der sein Talent erkannte und sich anbot, ihm Unterricht zu geben: „Der Junge hat Talent!“. Mit neun hatte er seine ersten Konzerte gegeben, schon mit vierzehn galt er als Virtuose.

Czerny war ein Wunderkind, die übliche Wunderkind-Vermarktung blieb ihm aber erspart. Die politische Situation in Europa ließ umfängliche Konzertreisen nicht zu. Zur gleichen Zeit, 1804, um genau zu sein, ist in Wien auch die erste Komposition von Carl Czerny aufgeführt worden.
Eine Virtuosen-Karriere hat Carl Czerny weder angestrebt noch eingeschlagen, weil ihm „stets jene brillante und wohlvorbereitete Charlatanerie“ gefehlt hat – so schätzte er sich selbst ein.
Der biographische Teil des Buches besteht aus gut fünf [!] Seiten: „Czernys Lebensgeschichte ist […] leicht zu erzählen.“ Und es stimmt: Dieser Mann hat kaum jemals Wien verlassen, war nie verheiratet und hatte folglich keine Kinder, keine Familie. Bis zu seinem Lebensende hat er ein beträchtliches Vermögen angesammelt und das hat „er testamentarisch zu vier gleichen Teilen für ein von ihm gegründetes Pensionsversicherungsinstitut für Musiker, für die Gesellschaft der Musikfreunde, für das Wiener Blinden- und Taubstummeninstitut sowie für zwei Klosterspitäler bestimmt, seine eigenen gedruckten Werke sowie seine Musikaliensammlung für das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, seine ungedruckt gebliebenen und weitgehend nicht für das Klavier bestimmten Kompositionen für den Verleger Carl Anton Spina, die damit wohl verbundene Hoffnung, dass dieser davon noch etwas veröffentlichen würde, hat sich nicht erfüllt.“
Was also ist uns geblieben von Carl Czerny, was erinnert uns an ihn? Seine „Schule der Geläufigkeit“ vielleicht, mit der wir drangsaliert worden sind?
Immerhin hat die Stadt Wien ihm auf dem Zentralfriedhof ein Ehrengrab gewidmet. Da man sich offenbar nicht einigen konnte, ob man Komponist, Pianist oder Klavierpädagoge in den Stein meißeln lassen sollte, nannte man ihn „Tonkünstler“ (s. Foto).
Die Ausstellung, deren Katalog jetzt vorliegt, zeigt Czerny natürlich als Wiener und sie zeigte sein Wien. Radierungen, Stiche und „neumodische“ Lithographien werden gezeigt, Druckerzeugnisse in einem Verfahren, das gerade erst von Alois Senefelder erfunden worden war. Die Lithographietechnik, der Flachdruck vom Stein, revolutionierte unter anderem den Notendruck. Senefelder selbst nannte das Verfahren „chemischen Druck“ … und so ist uns aus Wien der Verlag der „Chemischen Druckerey“ bekannt, der verschiedene Erstausgaben von Werken von Mauro Giuliani herausbrachte.
Es folgen die Kapitel „Carl Czerny – Jugend“, „Klavierbau in Wien“, „Klavierunterricht“, „Klavierspiel“, „Czerny und Beethoven“, „Czerny als Klavierlehrer“, „Czerny als Komponist“, „Czerny im Konzertsaal“, „Czernys Beschäftigung mit der musikalischen Vergangenheit“, „Czerny und seine Verleger“, „Czerny: Nachleben“. Zu jedem Exponat gibt es sehr kenntnisreiche und kenntniserweiternde Kommentare.
Ein Viertel aller Exponate ist im Katalog abgebildet – alle Abbildungen in Farbe und von höchster Qualität. Überhaupt ist das Buch, was die technische Ausstattung angeht, ein Vergnügen: Fadenheftung, sehr gutes, schweres Papier, großzügiges Layout. Mit einem Preis von rund vierzig Euro ist der Katalog allerdings auch recht teuer und man fragt sich, ob er auch Sinn macht, wenn man selbst nicht durch die Ausstellung geht oder gegangen ist.
Er macht! Der zusammenhängende Text ist knapp … aber liest man die Bildlegenden eine nach der anderen, bekommt man einen Eindruck von Czerny, seinem Leben, dem Aufblühen einer Klavierkultur in Wien, des Virtuosentums und, und, und … Auch, wenn man die Exponate selbst nicht sieht: Das Buch ist seinen Preis wert!
