Maestro Andrés Segovia hat immer wieder behauptet, er habe in seinem ganzen Leben nur einen Lehrer und einen Schüler gehabt – sich selbst. Falsch war diese Aussage mindestens, was sein Unterrichten angeht, denn er hat zwischen 1950 und 1963/1964 in Siena und auch, schon von 1958 an, in Santiago de Compostela sehr erfolgreiche und viel besuchte Meisterkurse gegeben. Viele heute bekannte Gitarristen haben daran teilgenommen … auch einige, die heute vergessen sind. Unter ihnen befindet sich ein Musiker namens Dante Brenna, der 1965 vor Segovia die Gigue aus der oninösen Suite von Silvius Leopold Weiss gespielt hat, die eigentlich von Ponce stammt. YouTube bietet eine Filmaufnahme seines Vorspiels in Santiago de Compostela und von Segovias Unterweisungen. Hier ist sie:
Und YouTube bietet ein weiteres Video mit Dante Brenna. Hier spielt er im Rahmen eines Fernseh-Interviews den dritten Satz aus der Sonatina von Federicio Moreno-Torroba:
Die eine oder andere weitere Aufnahme findet man an gleicher Stelle.
Wer weiß mehr über diesen Musiker? Was ich an Informationen zusammenkratzen konnte, beschränkt sich auf einige Stichworte: Er wurde am 14.1.1946 in Lugano geboren. Studiert hat er zunächst bei Aldo Minella am Liceo Musicale die Varese. Danach hat er sich auf Kursen bei Andrés Segovia in Spanien (Santiago de Compostela) und den USA weitergebildet. Zwei Platten hat er bei EMI eingespielt, eine davon ist gelegentlich antiquarisch im Handel: “Weihnachten in der Schweiz”, und die ist am 17. November 1999 erschienen.
Eine Überraschung enthielt ein anderer Film, der in Santiago bei den Segovia-Kursen aufgenommen worden ist:
Erst als Segovia so etwas wie “Miss Zaczek” murmelte, wurde ich aufmerksam. Sie ist es, die wunderbare Musikerin Brigitte Zaczek die die Chaconne von Johann Sebastian Bach da spielt … und die Aufnahme ist 1965 in Santiago entstanden – vor bald 45 Jahren!
Anhand dieses Videos können wir einiges lernen. Zum Beispiel, dass Segovia eigentlich keinen Unterricht gegeben, sondern seinen Studenten die Stücke vorgespielt hat. Zwischendurch gab er ein paar kryptische Anweisungen wie “You must feel all that” … sein Unterrichtsstil bestand aber hauptsächlich aus Vorspielen und teilweise auch aus Mitspielen. Das ist der Grund für die vielen künstlerischen Klone, die damals ihr Glück versuchten. Sie oder ihre Lehrer hatten Ton für Ton, Nuance für Nuance dem Meister nachspielen müssen und damit wurden sie ihm immer ähnlicher … ohne freilich seine unnachahmliche Grandezza jemals zu erreichen.
Brigitte Zaczek war nie epigonal. Sie hatte auch als junge Musikerin schon ihre eigene Meinung zur Musik und zu deren Präsentation … und die hat sie sogar Maestro Andrés Segovia nicht verheimlicht.
Auf ein Buch möchte ich Sie in diesem Zusammenhang noch hinweisen.
Guido Burchi (Hrsg.), Andrés Segovia a Siena, Siena [Accademia Musicale Chigiana] 1994, Quaderni dell’Accademia Chigiana XLVI
Hier dreht es sich (nur) um die Zeit, als Andrés Segovia in Siena seine Meisterkurse veranstaltet hat, also um die Zeit von 1950 bis 1964. Hier werden nicht nur die Dozenten (neben Segovia auch Alírio Diaz oder Emilio Pujol) gelistet, sondern auch die Teilnehmer an den Kursen mit vielen heute prominenten Namen. Eine Reihe von Beiträgen von Alvaro Company, Alírio Diaz, Linda Calsolaro, Flavio Cuchhi, Alfonso Borghese, Roberto Frosali und Patrizio Piccioni hinterleuchten die Geschichte der Meisterkurse, deren Zielsetzung und, natürlich, immer wieder den Maestro selbst und seine Kunst. Danach werden alle von Segovia im Rahmen der Meisterkurse gegebenen Konzerte mit allen Programmpunkten gelistet.
Am Schluss stehen 21 ganzseitige Schwarz/weiß- Fotos mit Segovia und diversen Adelspersonen sowie Kollegen und Besuchern, darunter Pablo Casals und Mario Castelnuovo-Tedesco.
Das Büchlein ist keine Devotionalie … oder, sagen wir, nicht nur. Sicher, fast alles dreht sich um Segovia, aber man findet auch eine ganze Reihe interessanter Informationen. Wer zum Beispiel wann bei ihm war … oder wer überhaupt nie. Alle Texte auf Italienisch!

