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Nikolaus Harnoncourt in Concerto #229

Am 5. Dezember 2009 ist er achtzig Jahre alt geworden: Nikolaus de la Fontaine Graf d’Harnoncourt-Unverzagt, kurz Nikolaus Harnoncourt genannt. Concerto widmet dem musikalischen Revolutionär zwei größere Beiträge in ihrer Ausgabe XXVI/2009-2010, Nr. 229.
Concerto_229
Ein Interview mit Harnoncourt hat Michael Arntz geführt: “Dirigent ist ein Anti-Beruf”. Der Maestro erzählt die Geschichte des Concentus Musicus; zum Beispiel, dass er 1953, als Cellist bei den Wiener Symphonikern, zunächst die Übereinkunft mit seinen Kollegen im neu gegründeten Concentus schloss, zu fünfzig Prozent Neue und zu fünfzig Prozent Alte Musik zu spielen: “Wir haben sofort Stücke von Hindemith gespielt, aber nach einem halben Jahr ist das langsam weggetropft.” Ein neues Publikum für Alte Musik sollte nie herangebildet werden: “Wir wollten unsere Sache machen und erfahren, warum die Statuen von Bernini so toll sind und die Musik von Corelli so langweilig – das wäre ja die zeitliche Parallele. Wir haben das Feurige an dieser Musik gesucht. […] Das Ziel war, das Feuer, das in dieser Musik steckt, zu erkennen und wieder zu entfachen. Wir haben uns gefragt: Was sagt diese Musik und warum hat sie den Menschen damals so viel gesagt?” Später haben die Musiker dann einen schönen Barocksaal gemietet und Konzerte gegeben: “Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals ein Konzert nicht ausverkauft gewesen wäre.” Heute ist Harnoncourt bekanntlich ein international gefragter Dirigent, dessen Repertoire weitaus das übersteigt, was man in den fünfziger und sechziger Jahren als “Alte Musik” bezeichnet hat.

Ach ja: Was meint er heute zu seiner Aussage, Dirigent zu sein, sei ein Antiberuf? “Dirigent ist ein Antiberuf. Der Meinung bin ich noch heute. Der Dirigent bringt keinen Ton heraus, und wenn jemand von vornherein sagt, ich will Dirigent werden, kann ich so jemanden überhaupt nicht verstehen. Wenn ein Musiker irgendwann Dirigent wird, das kann ich verstehen – wenn jemand vorher ein Instrument spielt oder singt, also Musik macht. Wenn so jemand sagt, ich möchte jetzt auch die Koordination übernehmen – das ist für mich der richtige Weg zum Dirigenten.”

Thomas Höft schreibt weiter über “Acht Jahrzehnte Nikolaus Harnoncourt: Zum Geburtstag eines Jahrhundertmusikers”. Hier geht es nicht mehr um statistische Daten, hier geht es um Gründe und Hintergründe. In Berlin wurde Harnoncourt am 5. Dezember 1928 geboren, und zwar in eine Familie, in der “regelmäßig musiziert” wurde: “Harnoncourts Onkel René war Direktor des New Yorker Museum of Modern Art und ein Freund von George Gershwin. Eines Tages schickt er den druckfrischen Klavierauszug von Gershwins American Folk Opera “Porgy and Bess” nach Graz, die der Vater am Klavier durchspielt. Der kleine Nikolaus sitzt daneben und hört gebannt zu.” Schließlich studierte er Cello und wurde Orchestermusiker. Bei den Wiener Symphonikern unter Herbert von Karajan. Schon vorher hatte er mit seiner späteren Frau Alice Hoffeler, Eduard Melkus und Alfred Altenburger das “Wiener Gamben-Quartett” gegründet … aber sein “Brotberuf” war das Orchester und sein Chef war Karajan, der selbstverliebte Taktstock-Heroe, der, nebenbei bemerkt, im Dritten Reich gleich zweimal in die NSDAP eingetreten war. Aber die “Positionen der Historischen Aufführungspraxis [waren] ein Seitenzweig des gesellschaftlichen Aufbruchswillens in den fünfziger und sechziger Jahren.” Das Revolutionäre an Harnoncourt war also nicht nur musikalisch, es betraf auch das Musikleben und das gesellschaftliche überhaupt. “Damit ist er automatisch der Antipode des traditionellen Dirigenten überhaupt, der seine Entscheidungen gegenüber den “niederen Orchestermusikern” niemals begründet, sondern autokratisch durchsetzt“.

Nikolaus Harnoncourt ist der nicht angekündigte und doch unübersehbare Mittelpunkt dieser lesenswerten Ausgabe von CONCERTO. Ergänzt werden Interview und Analyse durch einen Bericht über Harnoncourts Inszenierung von “Porgy and Bess”, uraufgeführt am 29. Juni 2009 in Graz.

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